Schuldenkrisen in Europa und den USA Die Welt geht unter - aber nur bei euch

Es ist eine absurde Situation: Weite Teile der amerikanischen Öffentlichkeit sind überzeugt, dass sich Europa im wirtschaftlichen Niedergang befindet. Viele Europäer glauben wiederum, dass die USA kurz vor dem ökonomischen Zusammenbruch stehen. Es zeigt sich, wie sehr die globale Schuldenkrise die alten Industrieländer verunsichert. Dabei sind die Ursachen und die Lösungen extrem unterschiedlich - und die Niedergangsszenarien Unfug.

Ein Kommentar von Nikolaus Piper

Als Barack Obama gewählt wurde, dachten viele Europäer, der neue Präsident sei "einer von uns" und die USA würden irgendwie sozialdemokratischer und/oder europäischer. Das war ein großer Irrtum. Obama und die Demokraten mögen dem europäischen Modell des Sozialstaats näher stehen als die Republikaner, aber das erschwert es ihnen nur, Wahlen zu gewinnen. Nein, Amerika ist konservativ wie eh und je - und was noch schwerer wiegt: Kontinentaleuropäer und Amerikaner haben immer mehr Probleme, sich überhaupt zu verstehen, wenn es um existenzielle Fragen geht.

Das zeigt eindrücklich die Sache mit den Staatsschulden. In Washington und New York gibt es erstaunlich viele Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass sich Europa im Niedergang befindet. Der drohende Bankrott Griechenlands gilt als Beweis für die alte These, wonach der Euro nicht funktionieren kann und die Währungsunion auseinanderfallen wird. Deutschlands jüngste Wirtschaftserfolge sind ein etwas rätselhafter Sonderfall, der aber am Gesamtbild nichts ändert. Europa - überreguliert, überschuldet, alternd und mutlos - ist kein echter Partner mehr für die USA. So denkt zumindest das rechte Lager.

Erstaunlicherweise ist Europas Blick auf Amerika, unter umgekehrten Vorzeichen, fast gleich: Nur wenige bezweifeln, dass die USA eine Supermacht im Niedergang sind; dankbar werden Formeln wie die von der "post-amerikanischen Welt" des amerikanischen Autors Fareed Zakaria aufgenommen. Finanzkrise, Massenarbeitslosigkeit und Deindustrialisierung liefern ausreichend Anschauungsmaterial.

Und dann der Irrsinn des Streits um die Schuldenobergrenze. Der Kongress riskiert allen Ernstes einen technischen Bankrott der Supermacht USA - wenn das kein Zeichen des Niedergangs ist. Wenn die - mehrheitlich amerikanischen - Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit Griechenlands oder Spaniens herabsetzen, gilt das als Angriff auf Europa. Geschieht das Gleiche mit den USA, nimmt man es als weiteres Zeichen für deren Abstieg.

In Wirklichkeit ist die Schuldenkrise ein globales Phänomen von epochaler Dimension, das Amerika und Europa gleichermaßen betrifft. Noch nie in Friedenszeiten waren die Industrieländer insgesamt so hoch verschuldet wie heute.

Das hat mit der Finanzkrise zu tun, ist aber noch mehr Folge der jahrzehntelangen Praxis, Probleme in die Zukunft zu verschieben. Dagegen stehen die neuen Stars der Weltwirtschaft, China, Indien und Brasilien, blendend da. China ist Hauptgläubiger der USA. Die Volksrepublik hat bei der Weltbank Deutschland vom Platz drei der Teilhaber verdrängt. All das übersetzt sich in Machtverlust.

Zuschuss fürs Nasswerden

mehr...