Estland: Beitritt zur Euro-Zone Von Glückwünschen und Beileidsbekundungen

Willkommen, Nummer 17: Estland führt mit Beginn des neuen Jahres den Euro ein. Ministerpräsident Andrus Ansip ist schwer begeistert - muss aber auch Kritik einstecken.

Inmitten der Schuldenkrise in Europa führt Estland mit großen Hoffnungen auf wirtschaftliche Verbesserungen den Euro ein. "Das ist ein kleiner Schritt für die Euro-Zone, aber ein großer Schritt für Estland", sagte Ministerpräsident Andrus Ansip am Neujahrstag in der Hauptstadt Tallinn, wo er als erster Este Euro-Geldscheine statt Kronen aus einem Automaten zog. Das Land mit 1,3 Millionen Einwohnern ist das 17. Mitglied der Währungszone.

Andere große Staaten Osteuropas, etwa Polen und Ungarn, werden ihre Währungen indes nicht so schnell gegen den Euro tauschen. Sie sind angesichts der Turbulenzen rund um die Schuldenkrise skeptisch geworden, ob ein Beitritt ihnen viele Vorteile bringt. "Wir sind stolz, Mitglied der Euro-Zone zu sein", sagte Ansip. Bereits am Freitag war die bevorstehende Einführung im Land groß gefeiert worden.

Estland hofft, durch den Beitritt mehr ausländische Investoren anzulocken und den Handel zu stärken. Die Furcht vor einer Abwertung des Geldes soll schwinden und die Aufnahme von Krediten für die Bürger kalkulierbarer werden. Zudem macht das Land im Norden Europas einen weiteren Schritt nach Westen - heraus aus der Umklammerung des mächtigen Nachbarn Russland. Ähnliches gilt auch für Estlands Nachbarn Lettland und Litauen. Sie wollen die Gemeinschaftswährung 2014 einführen. Alle drei Länder waren 2004 der Europäischen Union und dem Militärbündnis Nato beigetreten.

Estland ist das erste Land aus der ehemaligen Sowjetunion, das den Euro einführt. Es ist zwar das ärmste Land im Euro-Club. Seinen Haushalt und die Staatsverschuldung hat das Land - im Gegensatz zu Clubmitgliedern wie Irland oder Griechenland - aber im Griff. Ansips Mitte-Rechts-Regierung hat in der Vergangenheit die Ausgaben des Landes reduziert und Steuern angehoben. Von der wirtschaftlichen Stärke her ist Estland im Euro-Raum aber ein Zwerg - sein Bruttoinlandsprodukt trägt gerade einmal 0,2 Prozent zu den insgesamt 8,9 Billionen Euro bei. Die EU-Kommission hatte der Baltenrepublik im Mai bescheinigt, alle Bedingungen für eine Einführung des Euro zu erfüllen. Die Europäische Zentralbank hatte allerdings gewarnt, die Vorgabe für eine niedrige Inflationsrate werde wahrscheinlich nicht dauerhaft eingehalten.

Unumstritten ist der Beitritt im Land nicht. Kritiker erklärten, Estland löse "das letzte Ticket für die Titanic". Der Wirtschaftsexperte und Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb in einem Blog, der Schritt sei zwar ein Symbol für Estlands Wandel von einer ehemaligen Sowjet-Provinz zu einem guten Bürger Europas. Die Kosten für die Wirtschaft seien aber hoch. "Von daher - Glückwünsche, aber zugleich auch mein Beileid."

In Polen bekräftigte Notenbank-Chef Marek Belka seine Skepsis. "In der Euro-Zone passieren dramatische Dinge - warum also sollen wir uns beeilen", sagte er der Zeitung Super Express. Sein Land werde erst beitreten, wenn es wieder "Ordnung" in der Euro-Zone gebe. Tschechiens Ministerpräsident Petr Necas hatte zuletzt bekräftigt, auf absehbare Zeit bringe der Euro seinem Land keine Vorteile. Beobachter erwarten keinen Euro-Beitritt der großen europäischen Länder vor 2019/2020. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich indes in ihrer Neujahrsansprache für die Gemeinschaftswährung stark gemacht. "Der Euro ist die Grundlage unseres Wohlstands", sagt sie. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy erklärte, er wolle sich mit ganzer Kraft für den Erhalt der Gemeinschaftswährung einsetzen. "Der Untergang des Euro wäre das Ende Europas."