Einkommen: DIW-Studie Große Panik in der Mittelschicht

Soziale Schieflage: In der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten werden die Reichen reicher - die Armen in der Bevölkerung noch ärmer. Und es leidet die Mittelschicht.

Von Felix Berth und Thomas Öchsner

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird größer. Das geht aus einer neuen Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor. Der besorgniserregende Trend werde durch die Bundesregierung verschärft, die mit ihrem Sparpaket hohe Einkommen verschone und niedrige belaste, kritisieren die Wissenschaftler. Die Gewerkschaften forderten daher die Bundesregierung am Montag auf, ihr Sparpaket zu korrigieren.

Die Studie, die an diesem Dienstag veröffentlicht werden soll, stellt eine Polarisierung der Einkommen im vergangenen Jahrzehnt fest. "Auf der einen Seite steigt die Zahl der Menschen, die im Luxus leben, und auf der anderen Seite die Zahl derjenigen, die mit niedrigem Einkommen auskommen müssen oder sogar arm sind", schreiben Jan Goebel, Martin Gornig und Hartmut Häußermann. Dieser Trend löse bei der Mittelschicht starke Ängste aus; es entstehe eine "Statuspanik" derjenigen, die fürchten, aus der Mittel- in die Unterschicht abzusteigen.

Die Wissenschaftler stellen fest, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in die Schicht derer rutschten, die nur niedrige Einkommen erzielen konnten. Zu dieser Gruppe gehört, wer weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter vierzehn Jahren entspricht dies einem monatlichen Netto-Einkommen inklusive Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen von 1800 Euro. Im Jahr 2000 hätten noch 18 Prozent zu dieser Gruppe gehört; im Jahr 2009 sei der Anteil auf fast 22 Prozent gestiegen, stellt die Studie fest. Gleichzeitig sei auch die Gruppe der Wohlhabenden gewachsen, die mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens ausgeben können, also 3870 Euro. Im Jahr 2000 gehörten 16 Prozent zu dieser Gruppe; im Jahr 2008 waren es dann bereits 19 Prozent.

Zwar sei die Gruppe der Wohlhabenden im Krisenjahr 2009 erstmals leicht geschrumpft. Trotzdem stiegen die Einkommen in diesem Segment auch im Jahr 2009 weiter an. Damit sei der Vorsprung der Gutverdiener vor den anderen erneut gewachsen. "Die Einkommensschere zwischen niedrigen und hohen Einkommen hat sich in Deutschland weit geöffnet", bilanziert die Studie. Die Reicheren seien "nicht nur immer mehr, sondern im Durchschnitt auch immer reicher geworden".

Das Schrumpfen der Mittelschicht

Parallel dazu seien die Ärmeren "nicht nur immer mehr, sondern auch immer ärmer" geworden. Diese Entwicklung an den Rändern der Einkommensverteilung bedeute, dass die Mittelschicht schrumpft. Die mittlere Einkommensgruppe sei, so stellt die DIW-Studie fest, der Verlierer des vergangenen Jahrzehnts. Diese Entwicklung sei auch für die Stabilität der Gesellschaft bedrohlich: "Gerade bei den mittleren Schichten, deren Status sich auf Einkommen und nicht auf Besitz gründet, besteht eine große Sensibilität für Entwicklungen, die diesen Status bedrohen." Möglich sei, dass sich Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass ausbreiten, weil Angehörige der verunsicherten Mittelschicht Schuldige für die ökonomischen Entwicklungen suchten.

Das Sparpaket der Bundesregierung beurteilen die Wissenschaftler sehr kritisch. Der DIW-Ökonom Jan Goebel hält es für unangemessen, "dass die bisherigen konkreten Vorschläge des Sparpakets eigentlich nur die unteren Einkommensbereiche betreffen". Es stelle sich die Frage, "warum eigentlich die Menschen mit den hohen Einkommen keinen Sparbeitrag leisten sollen".

"Resignation und Zukunftspessimismus"

Die DIW-Autoren warnen auch, dass die Polarisierung der Einkommen in vielen Städten zu erheblichen Problemen führen könne. Denn die wachsende Zahl ärmerer Menschen sei auf niedrige Mieten angewiesen, die es vor allem in unsanierten Altbaugebieten und unattraktiven Hochhaussiedlungen gebe. Dort würden sich "Quartiere herausbilden, denen das Stigma der Armenviertel anhängt", schreibt der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann in der DIW-Studie. Solche Armenviertel seien "von Resignation und Zukunftspessimismus geprägt", was vor allem für die dort aufwachsenden Kinder und Jugendlichen fatal sei.

Nach Ansicht des IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber zeigen die Ergebnisse der DIW-Studie deutlich, " wie die falsche Politik der vergangenen Jahren das soziale Gleichgewicht in Deutschland aus der Balance gebracht hat". Die Mittelschicht werde ausgezehrt, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher. "Mit dem unsozialen Sparpaket wird den Menschen die Milliarden-Rechnung präsentiert, während die Verursacher Milliardengewinne in ihren Bilanzen ausweisen und die Spekulation munter weiter geht", sagte Huber der Süddeutschen Zeitung. Das zeige, wie dringend ein Kurswechsel in der Verteilungs- und Steuerpolitik notwendig sei. "Es muss Schluss sein nach dem Motto: Die Armen zahlen die Zeche, die Reichen bleiben ungeschoren", kritisierte Huber.

DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki bezeichnete es als beunruhigend, "dass zum einen die Mitte der Gesellschaft - das Fundament unserer Demokratie - immer kleiner wird und zum anderen das Einkommensgefälle zwischen unteren und oberen sozialen Gruppen zunimmt". Mit dem Sparpaket werde diese Entwicklung weiter verstärkt: "Ausgerechnet in dieser Situation werden diejenigen zur Kasse gebeten, die ohnehin besonders unter der Krise zu leiden haben", sagte Matecki. Der DGB-Mann schlug vor, "das Sparpaket in ein Einnahmepaket umzuwandeln". Außerdem sei es nötig, die prekäre Beschäftigung zurückzudrängen und einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro pro Stunde einzuführen.

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