Berlin-Kritiker Sarrazin sitzt bei einem Berlin-Auftritt nach seinem Läster-Interview die Affäre aus. Der Mann mied die Berliner.
Feindkontakt hatte er nicht. Da hatte der einstige Berliner Finanzsenator jüngst ausgiebig über die Berliner gelästert, doch bei seinem Besuch in der Hauptstadt hatte Thilo Sarrazin mit den Einwohnern nichts zu tun. Der jetzige Vorstand der Bundesbank kam mit einem silbernen Audi A 8 und fuhr nach seiner Rede beim "Mittelstandstag" vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) rasch wieder weg.
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Meidet Berliner: Thilo Sarrazin. (© Foto: dpa)
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Der Volkswirt versucht ganz offenbar, die von ihm ausgelöste Affäre auszusitzen. Der passionierte Provokateur will so den überfälligen Rauswurf abwehren.
Die Männer von der IHK lachen bei dem Berliner Event. Thilo Sarrazin aber lacht nicht. Die Arme vor der Brust verschränkt, steht der Lästerbanker im Ludwig-Erhard-Haus in Berlin. Für die Gastgeber hat er allenfalls ein Lächeln übrig. Kameras versucht er zu ignorieren. Er will nicht als lachende Skandal-Nudel in den Gazetten erscheinen. Er will sich nichts anmerken lassen. Das ist seine Mission.
Es klappt nicht ganz. Während die Herren von der IHK weiterhin freundliche Späße machten, fühlt sich der frühere Berliner Finanzsenator offensichtlich bedrängt von den Blicken der Journalisten, die sich mit einigen Metern Abstand um ihn versammelt haben. "Sie können mich alle noch so erwartungsvoll angucken", sagt Sarrazin. "Ich halte eine Rede, und dann fahre ich nach Frankfurt."
Auch während der gut einstündigen Rede spricht er nicht über die Affäre, die ihn womöglich den Job und seine SPD-Parteimitgliedschaft kostet. Nur an einer Stelle kann sich Sarrazin einen Seitenhieb nicht verkneifen. Wirtschaftsforscher würden sich lieber gemeinsam auf eine falsche Prognose einigen, statt eine abweichende Meinung zu vertreten, sagt er: "Man kann das auf viele andere Themen übertragen, die hiermit nichts zu tun haben."
Fünf Seiten Zündstoff
Im Plenum kichern viele der anwesenden Anzugträger, manche klatschen sogar. Bei einigen hat er mit seinen umstrittenen Äußerungen einen Nerv getroffen. Andere zollen ihm Respekt dafür, dass er der Einladung der IHK gefolgt ist - trotz der Nachrichten der vergangenen Tage.
Sein Interview mit der Zeitschrift Lettre International, auf fünf Seiten ausgebreitet, hat genug Wellen geschlagen, diese Hobeleien über die Probleme der Stadt Berlin und die Mentalität ihrer Bewohner. Die Bildungspopulation werde "von Generation zu Generation dümmer" urteilte der Bundesbanker. Besonders groß seien die Defizite bei "Türken" und "Arabern".
Zwei Sätze Sarrazins riefen besondere Empörung hervor: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate." Und: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."
Einsamer Verbal-Zündler
Die Berliner Staatsanwaltschaft will prüfen, ob die Äußerungen Sarrazins durch die Meinungsfreiheit gedeckt seien. Kritiker werfen ihm Volksverhetzung vor, die Gewerkschaften gingen auf Distanz. Um den Verbal-Zündler wird es einsam.
Bundesbankpräsident Weber warf Sarrazin einen "Reputationsschaden" vor und forderte ihn auf, "mit sich selbst ins Gericht" zu gehen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hatte Weber den Interview-Text vor dem Abdruck gelesen und Sarrazin dringend darum gebeten, einzelne Passagen zu ändern. Der Ex-Senator lehnte jedoch ab.
Später, als die Woge der Empörung schon nicht mehr zu stoppen war, sagte Sarrazin, er habe niemanden diskriminieren wollen - und "nicht für die Bundesbank" gesprochen. Dumm nur, dass er sein Gehalt von der Zentralbank bekommt und ausgerechnet für Risikocontrolling zuständig ist.
Auch beim Mittelstandstag in Berlin spricht Sarrazin sehr wohl für die Bundesbank. So steht es in der Broschüre, die alle Teilnehmer am Eingang bekommen. Auch jene, die nur sehen wollen, ob der Ex-Senator erneut etwas Brisantes sagt.
Ein Klingelton erinnert an "Emergency Room"
Tatsächlich redet Sarrazin an einer Stelle seiner Rede über "die Japaner": Als "junger Beamter" beim Internationalen Währungsfonds (IWF) habe er selbst erlebt, dass "die Japaner Englisch zwar verstanden, aber nicht selber sprechen konnten". Ja, so ist der Japaner.
Einige Gäste runzeln die Stirn, die Journalisten tippen hecktisch auf ihren Laptops. Sarrazin wittert die Gefahr und fügt hinzu: "Das hat sich mittlerweile auch gegeben, die Japaner sprechen heute sehr gut Englisch." Einmal klingelt mitten im Fachvortrag das Handy. Der Klingelton erinnert an "Emergency Room", an Alarm im Krankenhaus. "Ich habe den Ton gewählt, damit er sich von allen anderen unterscheidet", kommentiert Sarrazin, der Nonkonformist.
Direkt nach seiner Rede verlässt Sarrazin das Gebäude und strebt in Richtung Dienstwagen. Diesmal wurde es nichts mit dem "Zirkus Sarrazini", über den die Financial Times Deutschland spöttelte. Aber es werden ja noch viele Auftritte folgen.
Er werde nach Frankfurt fahren, hat er gesagt. Der Diskussion um seine Person entkommt er nicht.
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(sueddeutsche.de/jja)
Christopher Lee zum 90.
Liebe/r hollisan,
Ich bin eine Frau.
Und nur nebenbei: das war nicht ich, die Ihnen eine negative Bewertung gegeben hat.
Ihr Kommentar spricht für sich und demonstriert ausgesprochen gut, was in unserem Lande vor sich geht. Es liest sich ungefähr so wie eine Collage von negativen Berichten aus Zeitungen (so etwas könnte man - wenn man denn wollte - auch für andere Menschengruppen erzeugen).
Und da Sie ja mit "anderen Migranten und deren Kindern [ ] nichts zu tun haben [wollen]", erlaube ich mir, nichts weiter darauf zu antworten. Schließlich gehöre ich zu der genannten Gruppe. Werten Sie es nicht als Unhöflichkeit. Ich muss auch an meiner Dissertation weiterarbeiten.
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"Man muß den Leuten eine Integration auch ermöglichen und nicht dafür sorgen, dass Straßenzüge und Straßenviertel und Schulen mit 90 % Ausländeranteil entstehen!"
Ich gebe Ihnen völlig recht. Wie wäre es denn, das bestehende Bildungssystem zu hinterfragen? Mir ist ein Rätsel, warum dieses dreigliedrige Schulsystem noch nicht abgeschafft worden ist. Kinder mit Migrationshintergrund landen aufgrund ihrer schlechten Deutschkenntnisse in der Hauptschule, wo sie sich unter ihresgleichen tummeln können. Und raten Sie mal: ihre Kinder werden ebenso schlecht Deutsch können und ebenfalls in der Hauptschule landen. Ein Teufelskreis. Wäre es dann nicht sinnvoller, das Schulsystem zu ändern? Dieses diskriminierende Schulsystem benachteiligt nicht nur türkische und andere Migranten, sondern auch Arbeiterkinder, die nicht die gleichen Voraussetzungen mitbringen wie Kinder beispielsweise aus Akademikerfamilien:
"Gegner kritisieren, das gegliederte Schulsystem zementiere soziale Ungleichheit. Die mehr oder weniger starre Einteilung von Schülern in mehrere Schularten präge ihre Bildungs- und Berufschancen entscheidend vor, und zwar zu einem viel zu frühen Zeitpunkt (je nach Bundesland nach der vierten bzw. sechsten Klasse). Die Kategorisierung sei dabei weniger von der persönlichen Begabung des Schülers abhängig als von seinem sozioökonomischen Hintergrund, insbesondere vom Elternhaus. Laut PISA 2006 haben Jugendliche aus Familien aus den oberen sozialen Schichten bei gleichem Wissensstand eine 2,7-mal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder eines Facharbeiters."
Deshalb würde ich im allgemeinen Interesse vorschlagen, das dreiteilige Schulsystem abzuschaffen und eine zentral gesteuerte Hochschulzugangsprüfung einzuführen (wie übrigens in vielen Ländern üblich). Dann würden die großen Niveauunterschiede augehoben werden, und es wäre auch manch wortgewandten Eltern nicht möglich, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder ein Gymnasium besuchen und eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben, auch wenn diesen die Voraussetzungen fehlen (ich arbeite an einer Hochschule und weiß, wovon ich spreche).
Man kann also manches ändern. Aber wenn jemand einer ethnischen Gruppe einen niedrigen Intelligenzquotienten zuspricht, dann mißachtet er nicht nur die Würde von Menschen (u.a. auch meine, da ich einen türkischen Migrationshintergrund habe), sondern trägt auch nichts zur Lösung der Probleme bei und sabotiert zudem Integrationsbemühungen.
Das Problem liegt zu 95 % am Arbeitsmarkt und mangelhafter Integrationsarbeit.
Dumpfbacken mit Stammtischparolen helfen da keinen Schritt weiter.
Entwurzelte Arbeitsmigranten sind ein weltweites Problem. Zwanghafte Gutmenschen wollen und können die Realität in diesem Land nicht wahrhaben
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