Angst ums Geld Deutsche fliehen zum Goldhändler

Die Angst vor dem großen Börsencrash löst einen Goldrausch aus. Der Preis schießt in die Höhe, Anleger kaufen trotzdem wie verrückt - einige stehen um das Edelmetall an und warnen vor der Wiederkehr von 1923: "Papiergeld ist bald wertlos." Münchner Szenen einer Angstbewegung.

Von Alina Fichter

Maximilian Baumann überlässt an diesem Tag, der sein Leben verändern soll, nichts dem Zufall. Alles, was er vergessen könnte, aber nicht vergessen darf, steht auf einem Blatt Papier, das er fest in der rechten Hand hält. Der Name des vegetarischen Restaurants, in das er seine Freundin ausführen wird, wenn alles vorbei ist, steht da. Und ganz oben: die Adresse von Pro Aurum, einem Handelshaus für Edelmetalle in München.

Hier wird Baumann in einer guten Stunde beinahe sein ganzes Vermögen in Gold- und Silberbarren verwandeln. Und der Besitzer eines Biogroßhandels in Österreich, blaue Augen, kinnlange Haare, ist kein armer Mann. Weil er es auch nicht werden will, ist er hier, sagt er: "Es ist eine große Entscheidung."

Eine besondere Woche war Auslöser für seinen Entschluss. An ihrem Anfang stand ein schwarzer Montag: Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte die Kreditwürdigkeit der USA herabgestuft. Ähnlich düster ging es weiter. Die Börsen in New York, Frankfurt, London und Tokio rauschten herunter, die Europäische Zentralbank musste auf einmal sogar spanische und italienische Staatsanleihen kaufen, die amerikanische Federal Reserve kündigte Nullzinsen bis 2013 an.

Die Anleger sind verunsichert, ihr Vertrauen in die Politiker ist erschüttert - und so flüchten sie ins Gold. Dessen Preis schießt seit Monaten in die Höhe, zuletzt auf 1814 Dollar pro Feinunze. Das ist ein neuer Rekord.

Viele haben das Gefühl, mit Gold Sicherheit kaufen zu können. "Seit kurzem ist der Andrang enorm", sagt Tobias Rotthaler, Chef der Handelsabteilung von Pro Aurum: "Unser Wochenumsatz von Gold hat sich verdreifacht, auf über zwanzig Millionen Euro."

Lange Schlangen vor dem Goldhändler

Es ist halb zwei Uhr nachmittags, als Baumann, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, vor dem goldfarbenen Bunker in der Nähe des Münchner Messegeländes eintrifft, in dem Pro Aurum seinen Sitz hat. Obwohl der erste Kunde erst in einer halben Stunde eingelassen wird, windet sich dort eine Menschenschlange von der gläsernen Eingangstür den Gehsteig entlang bis auf die Straße.

Eine Angestellte des Handelshauses verteilt Kaffee in Pappbechern und Schokoladenriegel. Gedämpftes Flüstern. Die Stimmung unter den Wartenden ist erwartungsvoll, aber fröhlich - wie an letzten Schultagen, wenn die Sommerferien nur noch eine Zeugnisübergabe weit entfernt sind.

Obwohl Gold teurer ist als je zuvor, wollen immer mehr Deutsche es kaufen. Ist das nicht paradox? Oder: Ist das nicht gefährlich, weil sie viel Geld verlieren könnten, wenn der Preis wieder sinkt? Baumann lacht mitleidig, als er das hört. "Sinken, soll das ein Witz sein?" Er beugt sich komplizenhaft vor: "Das ist doch erst der Anfang."

Bevor er für seinen großen Tag nach München reiste, habe er Bücher gelesen über "versteckte Inflation" und "Staaten, die zugrunde gehen", sagt er und wedelt dabei immer heftiger mit dem Zettel in seiner Hand. "Papiergeld ist bald wertlos, Edelmetalle die einzig sichere Währung." Beim letzten Satz betont er jedes Wort, wie um sich selbst ein letztes Mal zu überzeugen, bevor beinahe sein ganzes Vermögen zu Gold erstarrt. Einige in der Schlange nicken.

Aber sind diese Horrorszenarien nicht übertrieben? Deutschlands Wirtschaft geht es gut, Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach mehrmals, die Spareinlagen seien sicher, die Politiker Europas entschließen sich zu immer umfassenderen Rettungsaktionen. "Merkel will Menschen abhalten, Banken zu stürmen, wie zu Zeiten der Hyperinflation in den zwanziger Jahren", sagt Baumann.

Eine Frau mittleren Alters dreht sich abrupt um und unterbricht ihn: "Genau!" Sie nickt, der braun gefärbte Pony wippt. "So schön wie Sie kann ich es nicht formulieren", sagt sie. "Zahlen sind nicht meins. Aber gefühlsmäßig" - sie legt ihre Hand auf den Bauch - "gefühlsmäßig sehe ich das genauso." Der weiße Schoßhund auf ihrem Arm winselt, ein Havanese. Sie entlässt ihn auf den Boden und erzählt von ihren Großeltern, die sich, als sie noch jung waren, gern ein Haus gebaut hätten. "Gerade als sie das nötige Geld beisammen hatten, 1923, kam die Inflation und fraß ihr Vermögen auf." Bisher hat zwar die Europäische Zentralbank dafür gesorgt, dass der Euro stabil bleibt.

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