Zum Start des Digitalblogs Warum bloggen?

Süddeutsche.de erweitert sein Digitalressort um ein Blog. Warum? Weil die Netzöffentlichkeit inzwischen keine Nischengruppe mehr ist und wir über die Folgen der anhaltenden technischen Revolution diskutieren möchten - vernetzt und im Dialog mit Ihnen.

Von Johannes Kuhn

Ausgerechnet jetzt! "Das goldene Zeitalter der Technologieblogs ist vorbei", proklamierte der IT-Analyst Jeremiah Owyang vor wenigen Tagen - heute erweitern wir das Digitalressort von Süddeutsche.de um ein Blog.

Debatten über die Endzeit der Blogs haben Tradition und beschränken sich nicht auf das Technologie-Genre. Klassische Blogs, so lautet eine ständig wiederkehrende These, verlieren im gleichen Maße Relevanz, wie kürzere und schnellere Formen der Informationsverbreitung über Twitter und Facebook sie gewinnen.

Wer einen Blick auf den Themenaggregator Rivva.de wirft, der immer noch als Fieberthermometer der deutschen Blogosphäre gilt, könnte Owyan spontan zustimmen: Die Debatte über aktuelle Geschehnisse wird nur noch selten über Blogs, sondern meist über andere soziale Medien geführt. Auch hierzulande geistert deshalb jährlich mindestens einmal eine Debatte durchs Web, in der wahlweise der Tod von Blogs, der Blogosphäre oder doch zumindest von Blogkommentaren herbeiorakelt wird.

Warum also ein Digitalblog? Weil es in Wahrheit keinen besseren Zeitpunkt als heute gibt, damit anzufangen. 2011 könnte man vom Guttenplag-Wiki über den twitternden CDU-Mann Peter Altmaier bis zur arabischen Revolution als Jahr begreifen, in der Mikro-Öffentlichkeiten begannen, durch das Netz in unserer Wahrnehmung zu einer ersten Form einer breiteren digitalen Öffentlichkeit zu verschmelzen.

Als im Februar der amtierende Machthaber Mubarak das Internet in Ägypten lahmlegen ließ, kommentierte der US-Medienwissenschaftler Dave Parry folgerichtig: "Die ägyptische Regierung konnte zwar den Zugang zum öffentlichen Internet abschalten, nicht jedoch die Internet-Öffentlichkeit."

Es wäre töricht, wenn wir als Journalisten uns den Folgen der Verschmelzung von Sphären und Techniken, den Diskursformen dieser neuen Öffentlichkeit verschließen wollten. Für die beteiligten Autoren ist das Digitalblog deshalb keine simple Publikationsgattung, sondern ein Chiffre für den Versuch, der vernetzten Struktur der digitalen Welt gerecht zu werden und den Dialog als Teil des Publizierens im Netz zu verstehen. Es soll ein Instrument sein, den digitalen Wandel der Gesellschaft und die anhaltenden technischen Revolutionen zu begleiten; die entstehenden Debatten zu spiegeln, zu bündeln und anzureichern.

Vor allem aber soll es eine Einladung sein: Das Internet ist die bedeutendste Infrastruktur der Gegenwart und absehbaren Zukunft; wir müssen nicht nur als Nutzer, sondern auch als Gesellschaft eine Debatte über Wesen und Folgen dieser vernetzten Welt führen. Das Digitalblog ist deshalb Kommunikationsraum, in den Kommentaren unter den Artikeln, auf unserer Seite bei Google Plus oder direkt via Twitter.

Der Internetzugang als Grundrechtsfrage, politische Willensbildung und Aktivismus im digitalen Zeitalter, die Definition von Identität, Privatsphäre und Öffentlichkeit im Netz, die Folgen der Smartphone-Revolution und die Definition des Urheberrechts in einer Welt unendlich reproduzierbarer Daten: Die Breite und Tiefe der Themen ist schier endlos. Wir wollen uns dabei keine Beschränkungen auferlegen - Gadget-Tests, ein Netz-Fundstücke, genauere Blicke auf die Akteure der IT-Branche finden genauso Platz wie Debattenhinweise und Gedanken zum digitalen Wandel.

Wie die Online-Welt sich weiter verändern wird, ist auch das Digitalblog ein Entwicklungsprojekt. Der heutige Start ist ein Anfang, der Kreis der Beteiligten kann und wird ständig erweitert werden. Folgende SZ-Autoren werden sich den digitalen Fragen widmen: Varinia Bernau, Dirk von Gehlen, Bernd Graff, Mirjam Hauck, Niklas Hofmann, Andrian Kreye, Johannes Kuhn, Helmut Martin-Jung, Stefan Plöchinger, Thorsten Riedl.