Zensur bei Instagram Brustwarze ist nicht gleich Brustwarze

Fotos nackter Frauen werden von Facebook und Instagram rigoros gelöscht. Es sei denn, die Frauen borgen sich männliche Brustwarzen.

Von Simon Hurtz

Aus der Nähe betrachtet sehen sich männliche und weibliche Brustwarzen sehr ähnlich. Für Facebook ist das noch lange kein Grund, sie gleich zu behandeln. Männer oben ohne sind okay, Fotos von weiblichen Brüsten werden konsequent gelöscht.

Die kanadische Künstlerin Micol Hebron hält diese Doppelmoral für absurd. Bereits vor einem Jahr postete sie eine satirische Bastelanleitung bei Facebook und schrieb dazu: "Ihr könnt das nutzen, damit das Internet eure Oben-ohne-Fotos akzeptiert. Nehmt einfach diese Vorlage und verdeckt alle anstößigen weiblichen Brustwarzen mit gesellschaftlich akzeptierten männlichen Brustwarzen. Gern geschehen!"

TBT to that time, over a year ago (June 2014) that I posted an image of male nipple and told everyone to put it over...

Posted by Micol Hebron on Freitag, 3. Juli 2015

Damals blieb Hebrons kreativer Protest weitgehend unbeachtet, doch Anfang Juli griff die US-amerikanische Indie-Rock-Band La Sera die Idee erneut auf und teilte ein ähnliches Bild auf ihrer Facebook-Seite. 90.000 Likes und 160.000 Shares innerhalb weniger Tage sprechen eine deutliche Sprache: Micol Hebron ist offensichtlich nicht die Einzige, die sich darüber wundert, dass Facebook solche und solche Brustwarzen kennt.

Amazing! Via @ourladyj, picture originally by artist Micol Hebron

Posted by La Sera on Donnerstag, 2. Juli 2015

Die Schwedin Aline Nilsson postete immer wieder dasselbe Foto von sich auf Instagram - vergeblich, das soziale Netzwerk wollte die anderen Nutzer anscheinend nicht dem Anblick von Nilssons nackten Brüsten aussetzen. Erst, als sie ihre eigenen Brustwarzen virtuell mit männlichen überklebte, wurde das Bild akzeptiert. Ihr Kommentar: "So now you can't say shit, this is so fucking wrong and this is not equality."

Stillende Mütter sind okay

Nackte Menschen und Facebook, das ist seit jeher ein schwieriges Verhältnis. Die Gemeinschaftsrichtlinien von Facebook und Instagram spiegeln das wieder. Verboten sind "Bilder mit weiblichen Brüsten, wenn darauf Brustwarzen zu sehen sind". Allerdings nicht alle, im Hilfebereich antwortet Facebook auf die Frage nach Fotos von stillenden Müttern: "Wir sind auch der Meinung, dass Stillen etwas Natürliches und Schönes ist, und freuen uns, dass es den Müttern wichtig ist, diese Erfahrung mit anderen auf Facebook zu teilen. Die überwiegende Mehrheit dieser Fotos entspricht unseren Richtlinien."

Immerhin: Zwar hat Instagram mit halbnackten Männer offensichtlich weniger Probleme als mit halbnackten Frauen, aber zumindest gibt es keinen Promi-Bonus. Das US-Model Chrissy Teigen versuchte es mit einem Oben-ohne-Bild - ohne Erfolg:

Den Instagram-Richtlinien zufolge ist "Nacktheit in Fotos, die Gemälde und Skulpturen abbilden, in Ordnung." Also postete Teigen das gleiche Foto erneut, diesmal allerdings versehen mit verschiedenen Kunst-Filtern: Als Ölgemälde, als Bleistift- und als Buntstiftzeichnung. Offensichtlich hält Instagram einen Photoshop-Filter noch nicht für ein Gemälde - von den Fotos existieren nur noch Screenshots bei Gawker.

Rihanna wird verbannt

Auch andere Prominente haben schon Bekanntschaft mit Instagrams Prüderie gemacht: Rihanna wurde zwischenzeitlich verbannt, weil sie das Cover-Foto eines französischen Männer-Magazins postete. Kendall Jenner durfte mit durchscheinendem Top auf der New Yorker Fashion Week über den Laufsteg spazieren - für Instagram war das Bild ihres Auftritts zu viel des Guten.

Andere Plattformen haben weniger Probleme mit nackter weiblicher Haut. Scout Willies, die Tochter von Demi Moore und Bruce Willis, ging im vergangenen Jahr oben ohne durch New York, um gegen die Doppelstandards von Instagram zu protestieren. Ihre Beweggründe erklärte sie in einem Beitrag bei Xojane, die Aktion dokumentierte sie auf Twitter. Den entsprechenden Tweet findet man auch heute noch - trotz nackter Brüste:

Daraufhin rechtfertigte sich Instagram-Chef Kevin Systrom: Ihm gehe es nur darum, Instagram zu "einem möglichst sicheren Ort für Teenager und Erwachsene" zu machen. Bestimmte Regeln müssten nun mal eingehalten werden, damit jeder die Plattform benutzen könne.

Putin darf sich oben ohne inszenieren, Frauen nicht

Solche Ausflüchte will US-Comedian Chelsea Handler nicht akzeptieren. Wenn Putin halbnackt auf einem Pferd sitzen darf, dann kann Instagram doch nichts dagegen haben, wenn ich es ihm nachmache, sagte sie sich und postete ein nachgestelltes Foto. Die Reaktion: "Bitte lese unsere Gemeinschaftsrichtlinien, um zu lernen, welche Art von Postings erlaubt sind und wie du dabei helfen kannst, dass Instagram sicher bleibt."

Auf Twitter kommentierte Handler sarkastisch: "Das ist sexistisch. Ich habe jedes Recht zu zeigen, dass ich einen schöneren Körper habe als Putin."