Wie Google und Co. uns andere Standpunkte vorenthalten Welt ohne Gegenmeinung

Was wir bei der Google-Suche und im Facebook-Freundesstrom zu sehen bekommen, errechnen komplexe Algorithmen längst individuell aus unseren Vorlieben. Was wie ein Service am User aussieht, kommt nun heftig in die Kritik: Leben wir bereits in einer Filter-Blase?

Von Dirk von Gehlen

Bisher war die Blase ein wirtschaftliches Bild. Wer die Metapher in Bezug auf die Digitalisierung nutzte, bezog sie auf die überhitzte Netz-Begeisterung Anfang des Jahrtausends. Das könnte sich jetzt ändern.

Der amerikanische Autor Eli Pariser verwendet das Bild, um zu beschreiben, was es bedeuten kann, in einer durch die Algorithmen der großen Netzfirmen bestimmten Öffentlichkeit zu leben, die sich nicht mehr vor dem gemeinsamen Lagerfeuer aller, sondern in den personalisierten Interessensräumen des Einzelnen bildet.

Eine Öffentlichkeit also, die aus vielen kleinen Filter-Blasen besteht. Unter diesem Titel ("Filter Bubble") beschreibt Pariser in seinem dieser Tage in Amerika veröffentlichten Buch, wie die Gefällt-mir-Ökonomie des Netzes die Vorstellung von Relevanz neu definiert und so die gelernten Begriffe von Öffentlichkeit und Demokratie zu verschieben droht.

In der sogenannten Kultur des Teilens, die im Web gepflegt wird, vermischen sich die privaten Nachrichten von Freunden mit den klassischen politischen Meldungen der Medien. Beide treten in einen Kampf um Aufmerksamkeit, in dem eher das private Interesse als die öffentliche Bedeutung die Relevanz einer Meldung bestimmt.

Was relevant ist, entscheidet die Software

Pariser stellt seinem Buch ein Zitat von Facebook-Chef Mark Zuckerberg voran, der bekennt, dass ein im Vorgarten sterbendes Eichhörnchen für ihn persönlich durchaus relevanter sein kann als sterbende Menschen in Afrika. Zuckerberg baut auf dieser Interpretation von Relevanz sein stetig wachsendes Netzwerk auf, innerhalb dessen Status-Meldungen und Nachrichten in genau dieser Art gewichtet werden.

Der sogenannte Edge-Rank von Facebook wertet aus, wie ein Nutzer auf die Beiträge seiner Freunde reagiert und errechnet aus diesen Daten, welche Beiträge ihm künftig prominenter und welche womöglich gar nicht mehr angezeigt werden - weil sie offenbar keine Relevanz mehr besitzen, sonst hätte der Nutzer sie ja vorher schon mal angeklickt oder kommentiert. Relevanz leitet sich also nicht mehr aus der angenommenen gesellschaftlichen Bedeutung her, sondern aus dem, wie die einzelnen Nutzer in Interaktion treten.