Virtueller Schießstand im Store von Apple Freigabealter für Baller-App der Waffenlobby erhöht

Mehr Waffen, mehr Sicherheit - auch nach dem Amoklauf von Newtown wiederholt die US-Waffenlobby ihr Mantra. Jetzt bietet die mächtige NRA ein Gratis-Ballerspiel im iTunes-Store von Apple an, ursprünglich freigegeben ab vier Jahren. Im Netz regt sich Protest. Inzwischen wurde das Freigabealter heraufgesetzt.

Von Tobias Dorfer

Mit dem Spiel "NRA Practice Range" wirbt die US-Waffenlobby für ihre Interessen - auch bei Kindern ab vier Jahren.

(Foto: Screenshot itunes)

Aus einem Unglück kann man Konsequenzen verschiedener Art ziehen: Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School von Newtown will US-Präsident Barack Obama Waffenbesitz in den USA schärfer reglementieren. Dagegen drängt die amerikanische Waffenlobby gerade auf das Recht der US-Bürger, eine Waffe tragen zu dürfen.

Nun erweitert die Lobbyorganisation National Rifle Association (NRA) offenbar ihre Zielgruppe und umgarnt kleine Kinder. Am Sonntag tauchte im Apple-Store ein unter dem Titel NRA: Practice Range ein Ego-Shooter-Spiel auf. Freigegeben war das Spiel ursprünglich bereits ab vier Jahren. (Update vom 16.1.2013: Inzwischen wurde das Freigabealter auf zwölf Jahre erhöht.)

Die Beschreibung im App-Store stellt Practical Range als "mobiles Nervenzentrum der NRA" dar, das unter anderem Zugang zu Informationen, Sicherheitstipps und Lehrmaterialien der US-Waffenlobby bietet. Das Spiel "lehre den sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit Waffen anhand von Fun-Wettbewerben und realistischen Simulationen."

Wer das Gratis-Spiel, produziert vom Spielehersteller Medl Mobile, herunterlädt, kann unter mehreren Szenarien auswählen - und sofort losballern. Das Ziel: mit einer Pistole in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Ziele zu treffen. Zur Verfügung hat der Spieler drei Modi (Indoor, Outdoor, Tontaubenschießen) und in jedem davon steht ihm eine Standardwaffe zur Verfügung. Für jeweils 99 Cent lassen sich aber auch Upgrades einkaufen, unter anderem eine Beretta-Pistole oder eine Dragunov SVD, ein halbautomatisches Gewehr.

Vor jedem Shooting gibt das Programm dem Spieler noch eine Information der Waffenlobby mit in den Kampf: "Kenne dein Ziel und was dahinter ist", steht da beispielsweise - oder: "Nutze nur die korrekte Munition für dein Gewehr." Außerdem informiert die NRA, dass sie mit ihren Programmen jedes Jahr "750.000 Waffenbesitzer trainiert."

Auf Kritik äußerte sich der Hersteller Medl einem Bericht zufolge auf Twitter. Als Reaktion auf die Frage nach dem geringen Freigabealter, antwortete Medl dem Magazin Eurogamer.net zufolge: "Die NRA-App ist dafür da, Sicherheit im Umgang mit Schusswaffen zu lehren und nicht für Kinder im Alter von vier Jahren gedacht." Die Aussage hat Medl inzwischen offenbar wieder gelöscht. Bei Twitter ist sie nicht mehr zu finden.

Ist Practical Range nur eine harmlose App oder ein gefährliches Ballerspiel? Fest steht, dass die US-Regierung spätestens nach dem Amoklauf von Newtown sensibler für das Thema geworden ist. Vizepräsident Joe Biden möchte an diesem Dienstag ein Bündel mit Maßnahmen vorlegen, die sich auch gegen Ballerspiele richten sollen.

Die Waffenlobby unterstützt das Vorhaben ausdrücklich und schiebt damit die Schuld an die Computerspiele-Hersteller weiter. NRA-Vizepräsident Wayne LaPierre hat nach dem Amoklauf von Newtown Computerspiele als mögliche Ursache genannt - im Gegensatz dazu dienten die realen Waffen in den Schränken der Amerikaner dem Sport und der Selbstverteidigung.

Für Practical Range gilt das offenbar nicht. Dennoch: In Apples iTunes-Store kommt das Spiel überhaupt nicht gut weg. Acht Bewertungen sind dazu zu finden - sie sind größtenteils vernichtend. "Wer so einen Dreck seine vierjährigen Kinder spielen lässt, dem ist echt nicht zu helfen", schreibt ein User. Und ein anderer fragt: "Apple, wie könnt ihr so etwas freigeben?"

Anmerkung: Die Altersfreigabe für NRA Practice Range im App-Store von Apple ist inzwischen geändert worden. Inzwischen liegt sie nicht mehr bei vier sondern bei zwölf Jahren.