Russischer Facebook-Rivale Vkontakte Geheimdienst FSB liest mit

Vkontakte ist in Russland um einiges beliebter als Facebook. Nun hat der Gründer des sozialen Netzwerks ein Problem, denn offenbar hat der russische Multimillionär Durow Daten von Kreml-Gegnern an den Inlandsgeheimdienst FSB weitergeleitet.

Von Tim Neshitov

Vor einer Woche meldete sich Tom Cruise beim russischen Sozialnetzwerk Vkontakte ("Im Kontakt") an. Enrique Iglesias und Coldplay sind längst dabei. Ihre Profile sind echt, die Manager der Stars machen auf VK gerne Werbung. Bald läuft in Moskau Cruises "Oblivion" an, auf VK werden Poster verlost, signiert von: "TOM!"

Vkontakte wurde 2006 gegründet und zählt bereits zweihundert Millionen Mitglieder, es ist die wichtigste Austausch- und Werbeplattform des Landes. Facebook hat in Russland nur knapp sieben Millionen Nutzer. Pawel Durow, der Gründer von VK, besitzt ein Vermögen von 200 Millionen Euro, eine Million hat er an Wikipedia gespendet. Er ist 28 Jahre alt und wird mit Mark Zuckerberg verglichen.

Nun hat Durow ein Problem, über das sich Mark Zuckerberg freuen dürfte. Die Zeitung Nowaja Gaseta hat aufgedeckt, dass Vkontakte offenbar Daten von Kreml-Gegnern an den Inlandsgeheimdienst FSB weiterleitet. Im Dezember 2011, als Zehntausende Russen gegen die Ergebnisse der Parlamentswahl demonstrierten, setzte der Kreml Durow unter Druck. VK-Profile von Oppositionellen sollten entfernt werden.

"Meine offizielle Antwort an die Geheimdienste"

Durow postete das schriftliche Ersuchen damals trotzig in seinem eigenen Profil. Daneben das Bild eines Hundes mit ausgestreckter Zunge: "Meine offizielle Antwort an die Geheimdienste."

Gleichzeitig soll er aber laut Nowaja Gaseta einen nicht so coolen Brief an Wladislaw Surkow geschrieben haben, ehemals Chefideologe im Kreml: "Wie Sie wissen, arbeiten wir seit Jahren mit dem FSB und der Abteilung K des Innenministeriums zusammen, indem wir die Informationen von Tausenden unserer Nutzer in Gestalt von IP-Adressen und Handynummern reibungslos weiterleiten. Wir sind besorgt über die Perspektive einer Destabilisierung im politischen und wirtschaftlichen Leben Russlands und sind bereit, weiterhin an der Seite der Behörden alles zu unternehmen, um eine Verbreitung von Gewalt und Chaos zu verhindern."

Profile von Oppositionellen zu entfernen, sei aber nicht im Interesse Russlands. Dann würden nämlich viele junge Nutzer zu Facebook wechseln. "Langfristig könnte das unsere technologischen und ideologischen Bemühungen, den Andrang ausländischer Sozialnetzwerke auf dem Heimatmarkt zu bremsen, zunichtemachen." Außerdem würden die Unzufriedenen dann ihre Protestmärsche auf Facebook planen - unbeaufsichtigt.

Entweder solle der Kreml seine diskrete Kontrolle im Netz fortsetzen, schlägt Durow vor, oder man führe eine totale Zensur nach chinesischem Vorbild ein, die auch Facebook träfe - aber bitte keine Mittelwege. In einem anderen Schreiben, das der Nowaja vorliegt, schildert ein ehemaliger VK-Pressesprecher, wie er fiktive Profile von Oppositionsgruppen anlegte, um Verwirrung zu stiften.

Durow ließ den Zeitungsbericht vom Mittwoch als "völligen Blödsinn" dementieren. Viele VK-Nutzer haben trotzdem ihren Austritt angekündigt. Tom Cruise gehört nicht zu ihnen. Grund dazu hätte er aber. Das Weiße Haus setzte VK 2011 auf eine schwarze Liste von Seiten, die Piraterie begünstigen. Man kann sich hier viele Tom-Cruise-Filme anschauen, in guter Qualität und umsonst. Bald vielleicht auch "Oblivion".