NSA-Abhöraffäre Was uns Frau Merkels Handy lehrt

Alles ist wichtig, alles ist dringend. Kein Wunder, dass Geheimdienste heutzutage jegliche Kommunikation ausforschen. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, Gesetze und Verträge könnten die rasende Entwicklung des Internets kontrollieren. Doch ganz schutzlos sind wir nicht.

Ein Gastbeitrag von Wolf Schneider

Wolf Schneider, 88, ist Journalist, Sachbuchautor, Träger des Henri-Nannen-Preises für sein Lebenswerk - und alt genug, um den Siegeszug des Computers miterlebt zu haben, vom ersten Tage an.

Natürlich sind wir entsetzt darüber, bis zu welchem Grade der amerikanische Geheimdienst uns ausforscht - "ein elektronischer Allesfresser von umwerfender Kraft", schrieb die New York Times, "der sich lauschend und hackend seinen Weg um die Erde bahnt, um die Geheimnisse von Regierungen und anderen Zielen zu plündern".

Selbstverständlich fordern wir energische Schritte aus Berlin, diesen aggressiven Unfug wenigstens einzugrenzen durch Absprachen und Verträge. Doch die Annahme, dies könnte auf Dauer gelingen, ist naiv. Schneller, dramatischer als einst die Dampfmaschine und die Eisenbahn hat der Computer die Menschheit überrollt und ihr seine Gesetze aufgezwungen. Der Eisenbahn haben einst die Pferdekutscher den Krieg erklärt; es half ihnen nichts.

Was eigentlich ist mit der Kommunikation passiert? Aus dem archaischen Zustand der totalen Nichtinformiertheit aufgestiegen, ist die Menschheit nun jäh ins Stadium der totalen Informiertheit eingetreten: Zwar wollen nicht alle allen alles sagen, aber jeder kann von allen alles wissen. Die Information im klassischen Wortsinn - dir oder denen will ich etwas mitteilen oder von dir und ihnen etwas erfahren - ist tot. Es ist ein Drama in fünf Akten.

Von Dschingis Khan bis Angela Merkel

1. Akt. Im längsten Teil der Geschichte wussten die meisten Menschen vom größten Teil der Menschheit nichts, nicht einmal, dass er existierte. Allenfalls im Krieg konnte die schnelle Übermittlung von Nachrichten wichtig sein; so sah es der Läufer von Marathon. Die Kuriere Dschingis Khans brachten es angeblich auf 300 Kilometer am Tag. Dass es Amerika und Australien gab, wusste der Mongolenherrscher nicht und brauchte er nicht zu wissen.

2. Akt. 1522 hatte ein Schiff des Fernando de Magallanes die Erde zum ersten Mal umrundet, 1080 Tage lang. Aber noch am 1079. Tag, vor der Ankunft im Hafen von Sevilla, wusste das außer der Schiffsbesatzung niemand auf Erden.

3. Akt. In dem Maße, wie Europa sich die Erde unterwarf, wurden die langen Wege der Kommunikation als quälend empfunden. Die jungen USA besiegten am 8. Januar 1815 bei New Orleans ein britisches Expeditionskorps in blutiger Schlacht - beide Seiten wussten nicht, dass zwischen ihnen seit 15 Tagen Frieden herrschte, unterzeichnet am Heiligen Abend 1814 zu Gent in den Niederlanden. Um diese Botschaft über den Atlantik zu tragen, war ein guter Segler 35 Tage unterwegs, und zwischen New York und New Orleans lagen 2500 Pferdekilometer. Noch 1865 brauchte die Nachricht von der Ermordung Abraham Lincolns bis nach Deutschland 13 Tage.

4. Akt. Die Kommunikation wird elektrifiziert. 1843 legte Samuel Morse in den USA die erste große Telegrafenleitung, mit langen und kurzen Stromstößen als Signale. 1877 installierte Alexander Graham Bell in Boston die erste Telefonlinie. 1927 waren Europa und Amerika durch ein Fernsprechkabel verbunden; schneller können Merkel und Obama auch heute nicht miteinander reden. Post in ferne Dörfer aber gab es noch lange nicht; Lenin forderte 1917, für sein Riesenreich die Deutsche Reichspost zum Vorbild zu nehmen.

5. Akt. Nun sind Milliarden Menschen elektronisch vernetzt; in Indien ist das Handy verbreiteter als die Wasserspülung. Politiker, Kaufleute, Blogger und Facebook-Nutzer sind begeistert, auch alle Geheimdienste der Welt. Wer telefoniert, mailt, twittert, simst, nimmt in Kauf, dass Feinde, dubiose Freunde oder halbe Fußballstadien mithören oder mitlesen können.