Neues Betriebssystem Firefox OS Pakt gegen die Internet-Giganten

Sie wollen das mobile Internet aus den Klauen von Apple und Google befreien: Mozilla verbündet sich mit Mobilfunkkonzernen wie der Telekom, um Smartphones mit einem eigenen Betriebssystem auf den Markt zu bringen. Die Zeit für die Rebellion ist günstig.

Von Varinia Bernau

Mitchell Baker ist niemand, der das Risiko scheut. Die Frau mit dem feuerroten Haar war schließlich mal Trapezturnerin. Nun aber hat sie eine neue Mission: Sie will das mobile Internet aus den Klauen der großen Konzerne lösen. Es ist kein leichter, aber letztlich ein logischer Schritt.

Denn es war auch Baker, die Trapezturnerin mit dem feuerroten Haar, die mit der gemeinnützigen Mozilla-Stiftung einst den Internetbrowser Firefox entwickelt hat - und all jenen, die im Netz surfen wollten, eine Alternative zu den omnipräsenten Programmen aus dem Hause Microsoft an die Hand gab. Doch die Zeiten, in denen sich die Leute noch vor den Computer setzten, um im Netz zu surfen, sind vorbei. Heute steckt das Internet in der Hosentasche. Und dort gibt nicht mehr Microsoft die Spielregeln vor, sondern das tun Apple und Google.

Auf den allermeisten Smartphones der Deutschen läuft Software, die entweder aus dem Hause Apple oder aus dem Hause Google stammt. Die beiden Konzerne bestimmen die Spielregeln im mobilen Internet. Für die Entwickler. Für die Kunden. Für die Mobilfunkanbieter.

Ein Smartphone, das schon für 69 Euro zu haben ist

Diese Spielregeln will Mitchell Baker nun neu bestimmen. Und sie hat sich dazu mächtige Verbündete gesucht: 18 Mobilfunkanbieter weltweit unterstützen das von ihrer Mozilla-Stiftung entwickelte mobile Betriebssystem Firefox OS. Die Deutsche Telekom wird das erste Modell mit dieser Software, ein Gerät des französischen Herstellers Alcatel, im September auch nach Deutschland bringen - und unter seiner Marke Congstar im Internet verkaufen.

Auch nach Griechenland und Ungarn bringt es die Telekom dann. Nach Polen sogar schon in der nächsten Woche. Es sind Länder, in denen sich die Telekom schwer tut, weil die Kunden im Zuge der Krise weniger Geld für Handy und Handyvertrag ausgeben. Und es sind Länder, in denen die Telekom nun mit einem guten, aber auch günstigen Smartphone wieder punkten könnte. Mit einem Smartphone etwa, das schon für 69 Euro das Stück zu haben ist, so wie das Gerät mit der Firefox-Software, das in Spanien seit kurzem verkauft wird.

Was in Ländern läuft, wo die Menschen nicht viel Geld für ein Smartphone ausgeben, das könnte auch in Deutschland neue Kunden anlocken. Jene nämlich, denen ein iPhone bislang schlichtweg zu teuer war. "Die Zeiten der eingeschworenen Gemeinde von Apple-Fans sind vorbei", sagt der Mobilfunkexperte Roman Friedrich von Booz & Company. "Wenn jemand heute sieht, dass er das Gleiche auch bei einem anderen Anbieter bekommt, dann ist er nicht mehr bereit, mehr zu zahlen - nur weil Apple drauf steht."

Die Mobilfunkanbieter suchen nach einer Alternative zu den Großen der Branche

Der Schulterschluss mit den Mobilfunkanbietern ist für Mitchell Baker enorm wichtig. Gerade in Europa. Denn hier ist der Kunde daran gewöhnt, dass er sich ein neues Smartphone bei einem Mobilfunkanbieter kauft. Diese subventionieren das Gerät - und holen sich die Kosten später über die Gebühren des Mobilfunkvertrags wieder rein. "Die Mobilfunkanbieter suchen nach einer Alternative, um sich von den Großen der Branche nicht die Preise diktieren zu lassen", sagt Friedrich. Einst mussten sie sich diese Preise von Nokia diktieren lassen, später von Apple, nun von Samsung, jenem koreanischen Handyhersteller, der auf Googles mobiles Betriebssystem Android setzt.

Die Zeiten für einen kleinen Rebellen, der es mit den beiden Riesen Apple und Google aufnimmt, sind günstig. Die Bedeutung des einstigen Vorreiters Blackberry schmilzt dahin - und damit sinkt bei den Mobilfunkanbietern die Hoffnung, dass Blackberry eine ernstzunehmende Alternative zu Apple und Google sein könnte. Ähnlich steht es mit Microsoft. Lange hatten die Mobilfunkanbieter gehofft, dass der Softwarekonzern sie aus der Abhängigkeit von Apple und Google erlösen könnte. Ein Trugschluss. Das mobile Betriebssystem Windows hat noch immer nicht die Bedeutung, die viele Branchenbeobachter der Technik anfangs zugetraut hatten.

Und es geht auch um verletzte Eitelkeit. Die Mobilfunkanbieter haben es satt, immer nur im Schatten der strahlenden Internetkonzerne zu stehen, immer nur der Klempner der Netze zu sein, derjenige, bei dem sich der Kunde beschwert, wenn das Youtube-Video auf dem Handy wackelt. "Bei Firefox können sich die Mobilfunkanbieter selbst noch einbringen, um die Software beispielsweise etwas sicherer zu machen. Das gibt ihnen auch die Möglichkeit, wieder etwas näher ins Bewusstsein ihrer Kunden zu rücken", sagt Annette Zimmermann, Analystin bei dem auf IT spezialisierten Beratungsunternehmen Gartner.

Die Telekom investiert in die Netze, die Gewinne landen bisher im Silicon Valley

Und wer nah am Kunden ist, der kann diesen dann irgendwann auch wieder zur Kasse bitten. Auch das ist wichtig für die Deutsche Telekom. Das Unternehmen steckt Milliarden in den Ausbau seiner Netze. Die enormen Gewinne aber aus all den Diensten, die landen im Silicon Valley. Weil Apple und Google die Software für die Geräte liefern, sind sie heute in der digitalen Welt auch das, was einst in der analogen Welt ein Ladenbesitzer war. Wenn immer ein Kunde sich eine App auf sein Smartphone lädt, dann kassieren sie davon 30 Prozent des Preises.

Mit Firefox OS könnte das, so die große Hoffnung der Mobilfunkanbieter, anders werden. Denn an der offenen Software haben auch die Entwickler in den Forschungslaboren der Deutschen Telekom mitgearbeitet. Sie haben die Technik so angepasst, dass der Kurznachrichtendienst Joyn darauf gut läuft. Oder sich mit dem Smartphone auch bezahlen lässt. Es sind Dienste, die bislang erst wenige Menschen nutzen, aber von denen sich die Telekom das Geschäft der Zukunft erhofft.

"Wir unterstützen das Projekt Firefox seit zwei Jahren - auch weil wir dabei die Grundlagen für unsere eigenen Dienste legen können", sagt Christian Stangier, bei der Telekom für das Geschäft mit Smartphones und Tablets zuständig. "Bei den anderen Betriebssystemen ist unser Einfluss begrenzt."

Wird Mitchell Baker, die einstige Trapezturnerin mit dem feuerroten Haar, diese enormen Hoffnungen erfüllen?