Nazi-Leaks und die Folgen Trollen gegen Rechts

Nazi-Leaks statt Wikileaks: Das Zeitalter der anonymen Enthüllungen beginnt gerade erst - und wir müssen künftig damit rechnen, dass die publizierten Datensätze nicht immer einem gesellschaftlichen Zweck dienen oder gar politisch sind. Wilkommen im Zeitalter der Troll-Leaks.

Von Johannes Kuhn

Ein oder mehrere Anonymous-Sympathisanten haben gehackte Daten aus der rechten Szene unter dem Label "Nazi-Leaks" zusammengetragen. Darunter befindet sich neben den Kundenlisten von Online-Shops rechtsextremer Kleidung auch die Spendenliste der NPD oder Adressliste der rechtsnationalen Wochenzeitung Junge Freiheit.

Nun liegt es in der Natur großer Leaking-Datensätze, dass Teile von ihnen irrelevant und sogar banal sein können. Womöglich gehen solche Zitate von Kunden des Odin-Versands vielleicht sogar als Alltagspoesie durch: "wen die wahre in den versand geht bitte vorher anrufen oder e post schicken " oder "Hallo wenn es die Jogginghose nicht in der Größe s gibt bitte nicht eins Größer Versenden" heißt es dort.

Nun enthalten die Daten, die zum Großteil nicht neu sind*, jedoch viele persönliche Angaben, von Namen und Adressen (E-Mail und Post) bis hin zu Handynummern. Womit wir bei der Frage wären: Gibt es einen öffentlichen Mehrwert, diese Daten zu publizieren? Ist das Dokumenten-Leaking, wie man es bislang definiert?

In Deutschland wird die Antwort auf die Frage nach dem Mehrwert instinktiv "Nein" lauten - Persönlichkeitsrechte müssen auch für Menschen gelten, deren Gesinnung wir nicht teilen. Diese Ansicht vertritt im aktuellen Fall auch der Chaos Computer Club, wie im Artikel von Janek Schmidt zu lesen ist.

Für die Lulz - und die Gesellschaft?

In Großbritannien verlief eine ähnliche Diskussion etwas anders: Dort veröffentlichte Wikileaks 2009 die Mitgliederliste der rechten British National Party (BNP), ebenfalls zum Teil mit Adressen. Der Guardian nutzte die Daten, um die geographische Mitgliederstruktur der Partei zu visualisieren, in der Diskussion gab es bereits zuvor Befürworter einer öffentlichen Identifizierung von BNP-Mitgliedern.

Die Ironie ist: Wenn es um Anonymous geht, passt eine Kategorie wie der "öffentliche Mehrwert" nicht. Nazi-Leaks und die heute gemeldeten Angriffe auf rechte Plattformen wie deutsche-stimme oder Altermedia im Rahmen der bereits länger bekannten #OPBlitzkrieg sind eher eine Art politisches Trolling, in diesem Falle womöglich auch als Nebenprodukt einiger Hacks beim 28C3.

Das "I did it for the Lulz" dürften die Verantwortlichen von Nazi-Leaks deshalb noch mit einem "and for society" ergänzen - jedoch wohl wissend, dass es für den zweiten Teil der Aussage bei solchen Hacks keinen gesellschaftlichen Konsens gibt.

Wenn wir annehmen, dass sich unter dem Dachkonzept Anonymous eine Leaking-Kultur entwickelt, wird diese nochmals fundamental anders als bei der personengetriebenen Organisationsform Wikileaks aussehen - selbst als Assange und Co. noch anonym agierten, war doch stets klar, dass es sich um eine Gruppe mit einem festen Kern handelt.

Trolling und Leaking, kaum zu unterscheiden

Trolling und Leaking sind dann künftig nicht mehr auseinanderzuhalten; die Diskussion darüber, ob Wikileaks bei der Veröffentlichung der Botschafts-Depeschen Informanten schwärzen muss, würde also entfallen - weil es niemanden gibt, mit dem sie zu verhandeln wäre.

Eine weitere Facette erhält die Diskussion, wenn man sich ansieht, was auf der Seite der rechten südbrandenburgischen Kameradschaft Spreelichter zu lesen ist: Auf dem dortigen Blog haben Mitglieder einen Erlebnisbericht vom 28C3 verfasst.

Setzen wir einmal technisches Wissen der Szene voraus: Was ist, wenn die rechten Aktivisten unter dem Namen Anonymous zum Beispiel Antifa-Datenbanken hacken? Oder sich ein loses Gegennetzwerk von rechten Hackern bildet, das aus mehr Personen als dem ewigen Anonymous-Gegner Jester besteht? Erleben wir dann, wie sich zwei Kontrahenten gegenüberstehen, die nichts anderes als eine Idee sind?

* Hier die Auflistung der Nazi-Leaks-Daten, die wir bereits als im Netz vorhanden identifiziert haben:

[] Die NPD-Spendenliste wurde Ende Mai 2011 von den Hackern der "No Name Crew" veröffentlicht, über die NPD-Mails war bereits drei Monate zuvor berichtet worden.

[] Die Kundendaten des "Nationalen Versandhauses" waren laut Google bereits am 22. Dezember 2011 bei Indymedia zu finden, stammen also zumindest nicht aus einem der CCC-Hacks.

[] Die Adressliste von Autoren der Jungen Freiheit wurde bereits im Juli 2011 auf Indymedia publiziert. Sie basiert offenbar auf einer öffentlich einsehbaren Auflistung auf der Seite der Wochenzeitung, Stand 2010.

[] Die Kundendaten des Versandhandels Thor Steinar wurden bereits 2009 gehackt und publiziert.

Haben wir das Zeitalter der Troll-Leaks erreicht? Diskutieren Sie den Blogbeitrag - in den Kommentaren oder bei Google Plus.