Megaupload-Chef Kim Schmitz Kimble im Knast

Auch gegen Kaution kommt Kim Schmitz in Neuseeland nicht frei. Er hat mit der Download-Plattform Megaupload umstrittene Geschäfte gemacht. Mit seinen Gewinnen gelang Schmitz ein Kunststück, um das sich die konventionelle Medienindustrie bisher vergeblich bemüht.

Von Johannes Boie und Hans-Jürgen Jakobs

Es war ein schönes Leben, das er da unten in Neuseeland führte, nach all den Jahren der Flucht. Das weitläufige, geleaste 24-Hektar-Anwesen in den Hügeln von Auckland, das 20 Millionen Euro wert sein dürfte. All die schönen Autos, die dort herumstanden, die getunte Mercedes-S-Klasse, der Cadillac und natürlich der Rolls-Royce Drophead Coupé, das die Aufschrift "God" zeigte, Gott. So hatte sich Kim Schmitz schon früher gegenüber Journalisten bezeichnet. Schlichter nannte er sich dann aber gerne "Kimble", wie die berühmte Filmrolle von Harrison Ford im Thriller "Auf der Flucht".

Seinen 38. Geburtstag hat der beleibte Internetunternehmer mit dem Drang zum Höheren dennoch im Gefängnis verbracht, und wenig deutet darauf hin, dass er die kommenden Monate weiter ungezwungen den Luxus mit seiner Frau und den drei Kindern genießen kann.

Am Montag jedenfalls hat Richter David McNoughton vom North Shore District Court dem Kautionsantrag nicht stattgegeben, den Schmitz und drei weitere Festgenommene gestellt haben. Er hörte sich die Argumente an, dann ging's zurück in die Zelle. Die Strafverfolger lehnen eine Freilassung ab, die Fluchtgefahr sei zu hoch und das Risiko, dass Schmitz seine Geschäfte fortführt, die Geschäfte mit dem Internet-Unternehmen Megaupload. Da mochte sein Promi-Rechtsanwalt Paul Davidson, der schon für Bill Clinton aktiv war, noch so oft versichern, Schmitz würde von der Sache lassen, solange er vor Gericht stehe.

An einem Prozess sind all die US-Medienunternehmen interessiert, deren Filme über Megaupload zu sehen waren, einem riesigen Datenspeicher, in dem Nutzer überall auf der Welt Material hinterlegen konnten, und seien es Hollywood-Werke, für die eigentlich ein Lizenzentgelt fällig wäre. FBI und US-Justizministerium hatten die Festnahme beantragt.

Es war einfach, illegale Kopien auf Megaupload zu finden

Megaupload war eine Webseite, auf der jeder, der mochte, eine beliebig große Anzahl an Daten hinterlegen konnte. Ob die Speicherung einer solchen Datei illegal ist, hängt davon ab, ob derjenige, der sie hochlädt, die Rechte an ihr erworben hat. So ist die Sicherungskopie eines käuflich erworbenen Musikalbums unbedenklich. Legal gespeichert sind auch alle Werke, an denen der Nutzer selbst die Rechte hält.

Sobald die Datei hochgeladen ist, kann der Nutzer sie mit Hilfe eines automatisch generierten Links theoretisch von jedem PC der Welt aus wieder herunterladen. Dieser Link besteht aus einer komplexen Zeichen- und Zahlenabfolge, die von Unbeteiligten nicht erraten werden kann; auch kann ein Dienst wie Megaupload nicht durchsucht werden. Das bedeutet, dass es ohne Hilfsmittel quasi unmöglich ist, illegalen Dateitausch über Megaupload zu betreiben.

Der massenhafte Missbrauch des Speicherdienstes wurde möglich, weil zahlreiche Webseiten die entsprechenden Links systematisch speichern und verbreiten. Wer also Mozarts Requiem in der Aufnahme mit Neville Marriner herunterladen wollte, musste nicht mehr tun, als via Google den Link zu suchen: "Neville Marriner" +"Requiem" +"Mozart" +"Megaupload". Kaum vorstellbar, dass ein populäres Album nicht bei Megaupload zu finden gewesen wäre.

Wie Megaupload Geld verdiente

Zur massenhaften Verbreitungsmaschinerie wurde das Schmitz-Objekt also, weil Nutzer einerseits mit der Absicht zum illegalen Austausch Werke hochgeladen haben, andererseits aber genügend kriminelle Energie aufbrachten, den entsprechenden Link in öffentlich zugängliche Verzeichnisse einzutragen.

Geld verdiente Schmitz mit Werbung auf Megaupload, die Webseite gehörte zu den populärsten der Welt. Noch lukrativer dürfte das "Premium-Konzept" gewesen sein: Zahlende Nutzer konnten den Dienst schneller und öfter nutzen als nicht registrierte. Wer nicht zahlte, wurde absichtlich mit einer langsamen Downloadgeschwindigkeit eingeschränkt. Damit gelang Schmitz ein Kunststück, woran sich die konventionelle Medienindustrie bisher vergeblich abmühte. Umsätze und Gewinne zogen an.

Doch Schmitz blieb, was er schon immer war, seit jenen Tagen Mitte der neunziger Jahre, als er die Internet-Gemeinde verblüffte: ein unattraktiver Mann, der sich Freunde kauft und um Aufmerksamkeit buhlt. Der ein Hacker sein wollte, weil es schick war, Hacker zu sein. Der viel später ein Kopfgeld auf Osama bin Laden aussetzte. Der mit 15 Ferraris und einem Hubschrauber nach Monaco kam. Der das einstige "Teppichluder" Janina hofierte. Der rund um die Online-Firma Letsbuyit.com illegale Insidergeschäfte getätigt hatte. Schmitz war einer der gefallenen Stars der New Economy - der Jahre später das Prinzip von Rapidshare hemmungslos abkupferte.

Das brachte ihn in ungeahnte Höhen. Der in Kiel geborene Online-Spezialist, der einst als "Kim Vestor" eine Adresse im finnischen Turku hatte, der als "Dr. Kimble" bekannt wurde und schließlich auch "Kim Dotcom" hieß, wurde in Neuseeland zum gesuchten Big Spender: Zum Silvesterfest 2010 gönnte er Auckland ein Feuerwerk, das ganz seiner Philosophie entsprechend die Vorsilbe "Mega" verdiente und einen sechsstelligen Dollar-Betrag gekostet haben soll.

Der Erfolg, der Reichtum, die Geltung, das alles hat ihm jegliche Vorsicht geraubt. Er tauchte in einem Werbevideo für Megaupload auf, tönte "It's a hit" und ließ Alica Keys, Snoop Dogg, P Diddy und Kayne West neben sich wirken, allesamt Stars der US-Unterhaltungsindustrie - die sich danach so richtig provoziert fühlte.

Da war es vorbei mit dem Siegeszug des falschen Propheten eines freien Internets, der sich per Video auch als Computerspieler gefeiert hat. Unter dem Pseudonym Megaracer hatte er bei "Call of Duty: Modern Warfare 3" unter einer Million Teilnehmern obsiegt, und zwar mit 150.000 "Kills", wie die Gaming-Szene Abschüsse nennt. Über Megaupload sollen auch illegale Kopien von Modern Warfare verteilt worden sein.

Linktipp: Megaupload war für Künstler nicht automatisch schlecht - Musiker konnten mit Megaupload Geld verdienen, bemerkt der Blog Neunetz. Vor allem Hip-Hop-Stars luden ihre eigenen Songs selbst hoch und verteilen die Links auf beliebten Musikseiten. Wenn die Fans den Song dann oft runterluden, war das zum einen gutes Marketing für das Album des Künstlers. Zum anderen bekam er einen Teil der Werbeeinnahmen von Megaupload.