Interview mit Filesharing-Forschern "Megaupload-Schließung nutzte nur den Mainstream-Filmen"

Die Autoren der Megaupload-Studie: Dr. Jörg Claussen (links) und Christian Peukert.

(Foto: Matthias Huber)

Filesharer sehen sich bestätigt, die Filmindustrie zweifelt an der Aussagekraft: Eine Studie will herausgefunden haben, dass die Megaupload-Abschaltung nur den Umsätzen der größeren Filme geholfen hat. Im Interview erklären die Autoren, was das Ergebnis bedeutet und warum sie die Kritik an ihrer Arbeit nicht teilen.

Von Matthias Huber

Illegale Downloads von Kinofilmen bescheren der Industrie angeblich hohe Verluste. Die Studie zweier Wirtschaftswissenschaftler aus München und Kopenhagen besagt aber das Gegenteil. Christian Peukert und Jörg Claussen untersuchen derzeit, wie sich die Abschaltung des Filehosting-Dienstes Megaupload auf die Kinoeinnahmen ausgewirkt hat. Die überraschende Tendenz: gar nicht, eventuell sogar negativ.

Das Arbeitspapier der beiden Forscher hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Auch der Industrieverband Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen zweifelt die Aussagen der Studie an.

Süddeutsche.de: Sie untersuchen in einer Studie, wie sich die Abschaltung des Filehosting-Dienstes Megaupload im Januar 2012 auf die Umsatzzahlen der internationalen Filmindustrie auswirkt. Können Sie die bisherigen Ergebnisse Ihrer Arbeit kurz zusammenfassen?

Christian Peukert: Entgegen unserer Erwartung haben wir nicht beobachten können, dass die Abschaltung von Megaupload dazu geführt hätte, dass die Leute wieder mehr ins Kino gehen. Im Gegenteil: Je nachdem, welche Faktoren man herausrechnet, kann man unter Umständen sogar einen negativen Effekt feststellen. Zur Sicherheit bevorzugen wir aber lieber die konservative Interpretation, dass die Abschaltung von Megaupload insgesamt lediglich keinen positiven Effekt für die Filmindustrie hatte. Anschließend haben wir die untersuchten Filme in große und kleine Filme unterteilt. Dabei ergab sich, dass der beobachtete Effekt nur für die kleinen Filme gilt, die Mainstream-Produktionen von der Schließung Megauploads aber durchaus profitiert haben.

Woran liegt das?

Peukert: Es gibt eine Theorie, nach der es zwei Arten von Konsumenten gibt: Solche mit niedriger und solche mit hoher Kaufbereitschaft. Bei der Entscheidung ins Kino zu gehen, spielen demnach Empfehlungen aus dem Freundeskreis eine große Rolle. Diejenigen, die einen Film vorher noch heruntergeladen hätten, tun das jetzt nicht mehr und können deshalb ihren Freunden, die eine hohe Kaufbereitschaft haben, auch nicht mehr davon erzählen und zum Kinobesuch raten. Kleinere Filme sind auf Grund kleinerer Werbebudgets mehr auf diesen Word-of-Mouth-Effekt angewiesen.

Sind Downloader gleichzeitig die aktivsten Konsumenten und die zahlungsfreudigsten Kunden?

Jörg Claussen: Vor einer Woche hat die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom eine Studie veröffentlicht, die genau dafür Belege gefunden hat: Benutzer, die sich illegale Kopien beschaffen, geben auch mehr für Medien aus. Wir aber glauben, dass es beide Effekte gibt. Man schaut sich einen Film eben erst einmal an, bevor man dafür Geld ausgibt. Und es ist auch wichtig, dass ich im Bekanntenkreis Informationen über einen Film bekommen kann und deshalb öfter ins Kino gehe.

Was ist denn die Zielsetzung der Untersuchung?

Peukert: Wir wollen diese Untersuchung ganz stark von der politischen Diskussion distanzieren und neutrale Wissenschaft abliefern. Das Ergebnis ist jetzt so, und wir sind davon überzeugt, dass wir damit keinen Fehler gemacht haben.

Claussen: Die ganze Diskussion ist ideologisch sehr aufgeladen. Beide Seiten führen darin viele schlecht belegte Argumente an. Wir wollen dazu beitragen, eine sachliche Grundlage zu liefern.

Und die Megaupload-Abschaltung kam als zufälliges Realwelt-Experiment sehr gelegen?

Claussen: Das war ein sehr unerwartetes Event für die ganze Industrie - Kim Schmitz ist nicht vorher geflüchtet, sondern festgenommen worden. Und in der Folge haben auch sehr viele andere Filehoster kalte Füße bekommen und sich zurückgezogen. Genau das nützen wir aus.

Peukert: Die entsprechenden Daten gab es vorher nicht. Ebensowenig so einen tollen Mechanismus wie die Megaupload-Schließung - man nennt das einen exogenen Schock. Deshalb haben sich empirische Studien bisher schwer getan, dieses Phänomen zu identifizieren.