Internet-Thesen des FAZ-Herausgebers "Schirrmacher ist Zaungast"

In seinem neuen Buch beklagt Frank Schirrmacher die Überforderung durch das Internet. Nun übt der Psychologe Peter Kruse heftige Kritik an den Thesen des Autors.

Interview: Johannes Kuhn

"Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen", lautet der Untertitel des neuen Buchs von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Darin beklagt der Autor die Überforderung durch die tägliche Informationsflut aus dem Netz und warnt vor einer computerdominierten Zukunft. Im Interview widerspricht ihm der Bremer Psychologe Peter Kruse heftig.

Der Psychologe Peter Kruse

(Foto: Foto: nextpractice, oH)

sueddeutsche.de: Professor Kruse, in "Payback" schildert Frank Schirrmacher die Folgen der Digitalisierung der Welt. Können Sie seine Sicht teilen?

Peter Kruse: Herr Schirrmacher begeht in seinem Buch einen erstaunlichen Denkfehler durch die Einseitigkeit der von ihm gewählten Perspektive: Er betrachtet die digitale Welt ausschließlich aus dem Blickwinkel einer Person, die das Geschehen als distanzierter und bewertender Beobachter erlebt. Wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakophonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert und vielleicht sogar aggressiv belästigt. Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut.

sueddeutsche.de: Haben wir mit dem Internet nicht tatsächlich längst den Rahmen des Kontrollierbaren verlassen?

Kruse: Ja, aber wieso ist das eine dermaßen angsteinflößende Katastrophe? Auf nahezu jeder Seite von "Payback" spürt man das Unwohlsein des Autors angesichts des realen oder befürchteten Kontrollverlustes: Herr Schirrmacher vertritt offenkundig die Idee, dass es die Aufgabe des Individuums ist, sich die Welt untertan zu machen, sie zu beherrschen oder wenigstens zu bewältigen - alles eine Frage guten Managements. Er konstruiert einen scharfen Gegensatz zwischen den Netzen und den Nutzern. Mit der sozialen Software des Web 2.0 hat ein derartiger Gegensatz seine Gültigkeit eingebüßt. Das Netz ist kein schrilles Informationsmedium mehr, das man vorsichtig und möglichst geschickt nutzen sollte, sondern es ist selbst zu einem faszinierenden Kommunikations- und Lebensraum geworden, den es zu erkunden und mitzugestalten gilt.

sueddeutsche.de: Was folgt aus einem solchen Perspektivenwechsel?

Kruse: Betrachtet man das Internet als ein Netzwerk, in dem Menschen vergleichbar mit dem Phänomen der Sprache eine lebendige Kulturleistung hervorbringen, dann entspannt sich der geplagte Geist und das Gefühl der Überforderung nimmt ebenso schnell ab wie die Belastung durch empfundene persönliche Verantwortung. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben. Ansonsten ist es ein echter Turbolader für überindividuelle Prozesse. Auf einem Fernseher versucht man ja auch nicht, jeden einzelnen Bildpunkt zu analysieren. Im Internet geht es tatsächlich immer "ums Ganze".

sueddeutsche.de: Was bedeutet das konkret für den Nutzer, der sich im Netz bewegt?

Kruse: Es geht darum, sich auf das Experiment neuer Strategien im Umgang mit Information einzulassen. Mit dem Netz haben alte Rezeptionsgewohnheiten ihre Gültigkeit verloren. So löst das Prinzip des Hypertextes Aussagen radikal aus ihrem Ursprungszusammenhang: Ich kann gezielt auf einen Satz zugreifen, ohne den eigentlich zugehörigen sinnstiftenden Kontext mitgeliefert zu bekommen. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass die Informationen im Netz mehrdeutiger und schwerer verständlich bleiben müssen. Im Internet ist beispielweise die Entstehungsgeschichte einer Information automatisch mit dokumentiert: wo kommt sie her, wer hat sie weiterempfohlen, wie sahen frühere Versionen aus oder womit wurde sie bereits von anderen in Verbindung gebracht. Wenn man diese an ein Gespräch erinnernden Formen der Kontextbildung nutzt, sieht die Situation bei weitem nicht mehr so düster aus.

sueddeutsche.de: Frank Schirrmacher beklagt auch, dass eine durch das Netz geprägte Welt diejenigen ausschließt, die sich nicht im Internet bewegen.

Kruse: Damit wären wir wieder beim Vergleich mit der Sprache. Wenn ich das Reden verweigere, kann ich kaum der Sprache zum Vorwurf machen, dass niemand meine Gedanken zur Kenntnis nimmt. Die Netzwerke können nicht die Menschen ausgrenzen, sondern nur die Menschen die Netzwerke. Das Internet ist eine Einladung zur Kommunikation in einer neuen Dimension. In der modernen Industriegesellschaft sind die Netze ein allgegenwärtiges Angebot und die Schwelle zur ihrer Nutzung ist denkbar gering. Nicht teilzunehmen, ist daher nur noch ideologisch und kaum mehr praktisch begründbar.