Infrastruktur des Internets Rückgrat des weltweiten Datenverkehrs

Wo kommen die Daten her, wenn eine Webseite aufgerufen wird, wo sausen sie hin, wenn eine E-Mail verschickt wird? Eine Reise quer durch Mitteleuropa: Von der niederländischen Küste ins bayerische Markt Schwaben, durch Sicherheitsschleusen zu Rechenzentren und Netzbetreibern.

Von Johannes Boie und Frederik Obermaier

Es riecht nach Salz hier, Nordsee. Ein kleiner Parkplatz an der niederländischen Küste, das Häuschen obendrauf könnte dem Parkwächter dienen. Könnte. Eingeweihte erkennen ein zweites kleines Gebäude daneben als Notstromaggregat. Im Boden sind rechteckige Gullydeckel, "Manholes", Wartungslöcher. Beides, Notstrom und Wartungszugänge in die Erde, sind typische Begleiterscheinungen des Internets. Hier ist etwas zu finden. Aber Hinweisschilder, Wegweiser sucht man vergebens. Kein Wunder, Unauffälligkeit ist Teil der Strategie von Interoute. Diesem Unternehmen gehören mehr als 60.000 Kilometer Glasfaserkabel, quer durch Europa. Glasfaser leitet Licht und ist Standard bei Internetkabeln. Und Interoute gehört auch das kleine Häuschen an der niederländischen Küste.

Von wegen klein. Wer mit einem Techniker das leere Obergeschoss durchquert und dann eine steile Treppe ins Untergeschoss herabklettert, steht plötzlich in einem riesigen Keller. Der ist zu zwei Dritteln leer: Hier ist noch Platz zum Anbauen, das Netz ist schließlich ein Wachstumsprojekt. Im hintersten Raum aber kommt in diesem Keller ein armdickes Kabel aus der Wand, es windet sich durch blinkende Computerschränke und verschwindet schließlich wieder in einer anderen Wand. Das ist das Unterseekabel Flute. Seit 2001 verbindet es die Computer in Großbritannien mit denen auf dem Festland. Im Meer wird das dünne Kabel bis zu einen Meter dick, wegen der Sicherung gegen Schiffsanker und auch wegen der Fische, die gerne mal daran rumknabbern. Wenn ein Kabel ausfällt, muss ein Schiff entsandt werden, um die schadhafte Stelle mit Hilfe von Haken an die Oberfläche zu holen und zu reparieren. Und das kann dauern.

Amerikaner haben extra ein Atom-U-Boot umgerüstet

Auf die Kabel, die riesige Datenmengen transportieren, sind auch Geheimdienste scharf; die Amerikaner haben extra ein Atom-U-Boot umgerüstet, um unter Wasser Datenleitungen anzapfen zu können. Und am Unterseekabel TAT-14, das die Telekom mitbetreibt, hat sich laut Papieren, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich zugänglich gemacht hat, der britische Geheimdienst eingeschaltet. Die Telekom reagiert derzeit auf den Wunsch nach Transparenz vor allem mit verschlossenen Türen: das Seekabel in Ostfriesland, das von Norden ins britische Bude führt, kann man nicht mehr besichtigen.

Das britische Unternehmen Interoute, das ebenfalls in den Snowden-Papieren auftaucht, zeigt die Technik dagegen gerne her. Die Firma gibt an, lediglich im Rahmen der geltenden Gesetze Anfragen von Sicherheitsbehörden zu beantworten. Der Techniker im Keller sagt, er kenne jedes einzelne Gerät in diesem Raum, hier seien keine Daten abzugreifen. Vorsichtig öffnet er eine Art Kassette, in der das Kabel erst in 96 Teilkabel zerlegt wird, die dann wiederum in einzelne Glasfasern aufgedröselt sind, zwölf pro Teilkabel. Er muss seine Stimme heben, denn wie überall, wo das Netz greifbar wird, dröhnt auch in diesem Keller eine starke Klimaanlage, die die surrenden Computer kühlt.

200 Gigabit rasen hier pro Sekunde durch das Kabel, etwa 8000 Mal mehr als in einem privaten DSL-Anschluss. Von hier führen die Kabel in verschiedene Netzwerke. 45.000 Netzwerke, etwa von Unternehmen oder Forschungseinrichtungen, bilden zusammen das Internet. Einige Betreiber nutzen das Kabel Flute und haben einen Vertrag mit Interoute abgeschlossen. Interoute gewährt ihnen dann einen Platz in dem geheimen Keller an der Küste, wo sie ihre Kabel dann mit dem Unterseekabel verbinden dürfen.

Das Prinzip heißt Redundanz

Die Daten, die hier durchrasen, werden wie an jedem anderen Punkt im Netz mit Hilfe von Adressen richtig weitergeleitet. Jedes Datenpaket im Netz, ganz gleich, ob es zu einem Video oder einer E-Mail gehört, trägt diese Adressinformationen mit sich: eine AS-Nummer, die das Netzwerk bezeichnet, in dem es landen soll, und eine IP-Nummer, die innerhalb des Ziel-Netzwerkes den Ziel-Rechner identifiziert, der die Daten empfangen soll. Das alles geschieht dank der Glasfaserkabel in Lichtgeschwindigkeit. Falls ein Kabel oder ein Computer einmal kaputtgeht, ist das nicht weiter schlimm. Fast alles, vom Dieselmotor für den Notstrom bis zum Unterseekabel Flute gibt es mindestens doppelt, das Prinzip heißt Redundanz.

Insgesamt durchziehen etwa 500.000 Kilometer Glasfaserkabel Deutschland. Sie verlaufen neben Autobahnen, manchmal auch auf Starkstrommasten oder neben Gasleitungen, gelegentlich sogar in Abwasserrohren. Zu sehen sind meist nur ein paar graue Kästen, etwa alle 30 Kilometer, und die "Manholes", die die Techniker über GPS-Sender orten und mit normalem Werkzeug öffnen können. Eine Aufschrift haben weder die Kästen noch die Wartungslöcher. Sie sollen unauffällig sein, ein einzelnes Kabel könnte ein Ziel für Geheimdienste oder Vandalen sein.

Durch was für Leitungen die Datenpakete sausen, ist nach dem Besuch an der Nordseeküste klar, aber woher weiß ein Computer eigentlich, was er tun soll, wenn der Nutzer www.sz.de in die Browserzeile tippt? Zeit, ein paar Ebenen höher zu schauen. Weg von den Kabeln und blinkenden Servern zu den Verwaltern des Netzes.