Frauen in der Informatik "Deutschland ist rückständig"

Nur wenige Frauen haben in der IT-Branche Erfolg. Die Informatikprofessorin Susanne Albers erklärt, was sich an der Uni, in der Gesellschaft und bei den Frauen selbst ändern muss.

Interview: Mirjam Hauck

Susanne Albers, 45, ist seit 2009 Professorin am Institut für Informatik der Humboldt-Universität Berlin. Sie habilitierte sich 1999 und lehrte an den Universitäten Dortmund und Freiburg, 2008 erhielt sie den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bereits für ihre Doktorarbeit wurde ihr die Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft verliehen.

sueddeutsche.de: Frau Albers, wie viele Studentinnen sitzen bei Ihren Vorlesungen im Hörsaal?

Susanne Albers: Der Frauenanteil im Informatikstudium beträgt hier in Berlin circa 15 Prozent. Und das ist zu wenig.

sueddeutsche.de: Um das zu ändern, bietet die Humboldt-Universität nun extra Beratungsstunden und Übungen für Schülerinnen an, um diese für ein Informatikstudium zu gewinnen. Brauchen Mädchen eine spezielle Förderung?

Albers: Nein, aber wir gehen in die Schulen, um Hemmschwellen abzubauen. Man braucht zum Beispiel keine Programmierkenntnisse für ein Informatikstudium. Es ist viel besser, das an der Uni zu erlernen, da schleichen sich nicht so viele Fehler ein, wie bei denjenigen, die sich schon während der Schulzeit daran versucht haben.

Und zum anderen wollen wir in den Schulen auch das Bild korrigieren, das in der Öffentlichkeit herrscht und das Medien oder Spielfilme transportieren, wenn es um die Informatik geht. Wir sitzen eben nicht Tag und Nacht in dunklen Räumen vor Bildschirmen und programmieren oder hacken uns in fremde Systeme ein. Informatiker und Informatikerinnen üben einen kommunikativen Beruf aus, in dem viel Teamarbeit gefragt ist, zum Beispiel wenn es um Absprachen mit Kunden geht.

sueddeutsche.de: Einige Fachhochschulen bieten inzwischen spezielle Frauenstudiengänge für Informatik an. Ist das sinnvoll?

Albers: Zu Beginn des Studiums kann ich mir vorstellen, dass es sinnvoll sein kann, wenn Frauen unter sich lernen können. Aber irgendwann müssen sich Frauen der Konkurrenz von Männern stellen. Denn in der Berufswelt gibt es diese Trennung ja auch nicht.

sueddeutsche.de: Stellen Sie während des Vorlesungen und Seminare Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest?

Albers: Ja. Männer haben beispielsweise weniger Hemmungen Fragen zu stellen. Sie melden sich noch während der Vorlesung oder kurz danach, während Frauen eher zu mir in die Sprechstunde kommen, wenn sie etwas wissen möchten. Und die Studentinnen bereiten sich gewissenhafter auf die Klausuren vor als ihre männlichen Kollegen und sie haben dann meist auch die deutlich besseren Noten.

sueddeutsche.de: Frauen schließen ihr Studium häufig besser ab als ihre Kommilitonen. Doch Karriere machen dann meist die Männer.

Albers: Meiner Meinung nach liegt es manchmal auch an den Frauen selbst, dass sie keine Karriere machen. Sie haben häufig nicht den Anspruch, dass zu einem erfüllten Leben beruflicher Erfolg gehört. Frauen fehlt oft der Biss, der nötig ist, um sich durchzusetzen. Ich hatte zwei Doktorandinnen, die beide ihre Promotion aufgegeben haben, weil ihnen Partnerschaft und Familie wichtiger als die eigene Karriere waren. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite fordert die Gesellschaft diesen Anspruch, Karriere zu machen, im Gegensatz zu den Männern aber auch nicht ein.

Und dann wird es Frauen immer noch schwergemacht, Karriere zu machen. Männer haben ihre Seilschaften und Netzwerke, in die man als Frau einfach nicht hereinkommt. Das muss nicht böswillig sein, aber es erschwert das eigene Fortkommen.

sueddeutsche.de: Hilft eine Quote, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?

Albers: Zur Quote habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Als ich vor 20 Jahren in meinem Beruf angefangen habe, war ich dagegen. Man tut Frauen keinen Gefallen, wenn sie weniger qualifiziert sind und dann nur wegen ihres Geschlechts eine Position erhalten. Mittlerweile ist es aber so, dass Frauen in ihrer Qualifikation Männern in nichts nachstehen, sie aber dennoch nur in Trippelschritten vorankommen. Deutschland ist auf diesem Gebiet nach wie vor sehr rückständig und vielleicht würde eine Quote helfen, dies zu ändern.

Dass es beispielsweise so wenige Professorinnen gibt, ist nicht nur ein Problem der Informatik. Bei uns gibt es einfach auch wenige Studentinnen. Aber in den Fächern Biologie und Medizin sind inzwischen mehr als die Hälfte der Studienanfängerinnen weiblich, dennoch gibt es ganz wenige Professorinnen oder Klinik-Chefinnen.

Klar liegt das auch daran, dass es manchen Frauen zu stressig ist, und sie in diesen Positionen wenig bis kein Privatleben mehr haben. Aber Frauen werden auch demotiviert. Sie werden viel schneller und unverhohlener kritisiert als ihre männlichen Kollegen, weil die Gegner wissen, dass sie nicht so laut und aggressiv zurückschlagen.

sueddeutsche.de: In Asien, Osteuropa oder auch in arabischen Ländern ist die Informatik deutlich weniger männerdominiert. Was kann die Informatik in Deutschland von diesen Ländern lernen?

Albers: Es ist mir tatsächlich ein Rätsel geblieben, warum in einem eigentlich so emanzipierten Land wie Deutschland die Informatik so männerdominiert ist. Wenn ich in anderen Ländern Kollegen darauf anspreche, warum das in ihrem Land anders ist, sind sie immer sehr verwundert, dass das für mich überhaupt ein Thema ist.