Crowdfunding Facebook-Nutzer können jetzt bei ihren Freunden Geld einsammeln

Facebook ist nicht das erste Unternehmen, das das Crowdfunding für sich entdeckt.

(Foto: REUTERS)

Die Plattform führt eine neue Crowdfunding-Funktion ein. Manche erbitten dabei Geld für den Kampf gegen Krebs, andere wollen eine Party schmeißen - oder Silikonbrüste haben.

Von Michael Moorstedt

Facebook-Chef Mark Zuckerberg ist gerade auf US-Tournee. Im Verlauf dieses Jahres will er jeden Bundesstaat besuchen, will erfahren, was die einfachen Menschen so denken, die ja für seine Firma zugleich Produkt und Kunde sind. Tolle Fotos entstehen da. Man sieht Mark Zuckerberg, wie er mit den Normalos zu Abend isst, wie er sich die Sorgen von Soldaten anhört, wie er bei Ford selbst am Fertigungsband steht, ja sogar wie er einmal ein süßes Kälbchen füttert.

Das passt recht gut, schließlich steigt auch sein Unternehmen gerade in einen neuen Markt ein. Mitgefühl lautet das Geschäftsfeld. Modern ausgedrückt heißt das freilich Crowdfunding. Die Idee ist simpel: Wenn nur ein Prozent der beinahe zwei Milliarden Facebook-Nutzer eine Kleinigkeit gibt, dann reicht das, um die Not des Einzelnen zu lindern.

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Nach einer längeren Testphase kann jeder seit vergangener Woche in Kategorien wie Medizin, Ausbildung oder persönliche Krise eine Spendenkampagne in eigener Sache starten. Es ist also zu erwarten, dass man von seinen Facebook-Freunden schon bald nicht nur um Gefällt-mir-Angaben angebettelt wird, sondern auch um Geld.

Die Firmen behalten in der Regel sieben bis acht Prozent der Spenden ein

Facebook ist mitnichten das erste Unternehmen, das das Crowdfunding für sich entdeckt. Mindestens ein Dutzend Internet-Firmen mit Namen wie Youcaring oder Gofundme bedienen das Geschäft mit den personalisierten Spenden. Die Liste der Einträge ist so lang wie traurig: Jugendliche, ebenso arm wie begabt, die Geld für ihr Studium sammeln. Eltern, die ihren todkranken Kindern einen letzten Besuch nach Disneyland ermöglichen wollen. Allein auf Gofundme werden jeden Monat hunderttausend Kampagnen abgewickelt mit einem Volumen von mehr als hundert Millionen Dollar.

So weit, so schön. Es fällt schwer, etwas gegen diese Entwicklung zu haben. Oder? Ein paar Sachen gibt es aber leider doch. Dass all die Firmen von den eingegangenen Spenden ein Quäntchen einbehalten, in der Regel sind das zwischen sieben und acht Prozent, ist da noch nicht einmal der größte Aufreger. Es ist nun einmal Realität, dass gewinnorientierte Unternehmen in die Lücken stoßen, die ein versagendes Sozialsystem hinterlässt.

Wer entscheidet, welche Kampagne viral geht? Äußerlichkeiten

Ein bisschen schlimmer ist es vielleicht, dass Wohlfahrt nun den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen wird. Wer entscheidet denn, welche Kampagne viral geht und welche ebenso schnell wieder von den Startseiten der Plattformen und damit aus dem Blick der potenziellen Spender verschwindet? Erfahrungsgemäß das schönste Selfie, die emotionalste Ansprache, das am besten ausgeleuchtete Krankenzimmer. Nicht umsonst bekommt jeder, der auf Gofundme inseriert, erst mal einen Crashkurs im Tränendrüsendrücken - und wenn es nur so simpel ist wie die Erkenntnis, dass sich die Überschrift "Julies Kampf gegen den Krebs" besser anhört als "Ich brauche Geld".

So ist es kein Wunder, dass sich auf den Crowdfunding-Plattformen genauso leicht tragische Schicksale finden, wie geradezu anmaßende Forderungen: 10 000 Dollar für ein Paar Silikonbrüste, 20 000 für eine Reise nach Südamerika, um die spirituelle Mitte zu finden, 100 000 für eine Geburtstagsparty. Betteln darf jeder. Selbst die Protagonisten von neonazistischen Plattformen, die via Crowdfunding neue Projekte finanzieren konnten.

Facebook verspricht, sämtliche Spendenkampagnen innerhalb von nur 24 Stunden auf ihre Aufrichtigkeit zu überprüfen. Bedenkt man die Art und Weise, wie das Netzwerk bislang die Kommunikation seiner Mitglieder moderiert, darf das allerdings bezweifelt werden.

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