Bitcoin Neues Geld für eine neue Welt

In Toronto steht ein Bitcoin-Geldautomat.

(Foto: REUTERS)

Die Technologie hinter Bitcoin eröffnet ungeheure Möglichkeiten: Ihre Nutzer könnten den Armen helfen, Facebook entmachten oder Morde in Auftrag geben.

Von Christoph Behrens

Weltweit griffen die Erpresser wohl mehr als 75 000 Rechner in rund 100 Ländern an. Sie sorgten für Ärger und Chaos, als sie im Mai ihre sogenannte Wanna-Cry-Attacke starteten. Daten auf den von ihnen befallenen Rechnern waren plötzlich verschlüsselt und für den Nutzer nicht mehr zugänglich. Nur gegen ein Lösegeld würden sie Computer wieder freischalten, erklärten die Kriminellen. Das erpresste Geld sollte aber nicht in einem Koffer übergeben oder auf ein Konto in einem fernen Inselparadies überwiesen werden. Die Täter forderten die Zahlung in Bitcoins.

Die virtuelle Währung hat einen gewaltigen Aufschwung erlebt, seit ein namentlich unbekannter Programmierer im Jahr 2008 sie auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise erfand. Allein in den letzten zwölf Monaten hat sich der Wert eines Bitcoins auf derzeit etwa 2500 Euro verfünffacht und steht auf einem Allzeit-Rekordhoch. Der größte Vorteil der Bitcoins liegt aus Sicht der Befürworter darin, dass Nutzer ihr digitales Geld in einer dezentralen Datenbank ablegen können, die sich dem Einfluss von Regierungen oder Banken entzieht.

Bitcoin funktioniert als Währung ohne Zentralbank oder staatliche Einflussnahme. Kein Politiker kann den Geldhahn aufdrehen und für eine digitale Inflation sorgen. Es gibt keine zentrale Schaltstelle des digitalen Geldes: Den Geldfluss überwachen die Nutzer völlig autark.

Man kann sich das Netzwerk ein wenig vorstellen wie ein öffentliches Telefonbuch, in dem die Nummern aller Einwohner einer Stadt verzeichnet sind. Im eigenen Exemplar könnte jeder Besitzer eines Telefonbuchs zwar Nummern streichen oder Ziffern verändern, doch wäre diese Manipulation idiotisch, da die richtige Nummer weiterhin in sämtlichen anderen Büchern steht.

Im Bitcoin-System werden statt Telefonnummern Geldbeträge in einem solchen öffentlichen Buch notiert. Nur dass dieses Buch nicht in Telefonzellen ausliegt, sondern über das Internet verteilt ist. Jeder Nutzer der Bitcoin-Software hat eine Kopie dieses Buchs auf seinem Computer. Jeden Betrugsversuch könnten andere also sofort sehen, da die einzelnen Kopien des Buchs sich plötzlich voneinander unterscheiden würden. Anders als oft behauptet ist Bitcoin also keine anonyme Währung, im Gegenteil: Jede einzelne Überweisung, jede dabei übertragene Information ist transparent. Sie steht in allen virtuellen Bitcoin-Verzeichnissen. Nur welche Person sich hinter einem Konto verbirgt, ist in der Regel unbekannt.

Die Polizei verhaftete vier Betreiber einer Serverfarm wegen Diebstahls von Elektrizität

Nicht alle Regierungen sind von dem Getöse um die Bitcoins begeistert. So ist zum Beispiel in Venezuela die Zahl der Bitcoin-Nutzer in dem Maße inflationär gestiegen, wie der heimische Bolivar infolge der Staatskrise an Wert verlor. Venezolanische Medien berichten, dass Behörden gezielt Jagd auf Bitcoin-Nutzer machen, die mithilfe der virtuellen Währung dringend benötigte Lebensmittel oder Medikamente aus dem Ausland beschaffen. In der Nähe von Caracas verhafteten Polizisten vier Betreiber einer Bitcoin-Server-Farm, wegen "Diebstahls von Elektrizität".

All das könnte nur der Anfang sein. Allmählich wird klar, dass sich mit der grundlegenden Idee - einem öffentlichen, transparenten Datenregister - noch ganz andere Dinge speichern lassen als Geld, so wie in einem öffentlichen Telefonbuch auch andere Texte als nur Telefonnummern stehen können. Das Datenregister heißt bei Bitcoin "Blockchain" - man kann sich das vorstellen wie sehr viele aneinandergereihte Container, die Informationen enthalten. Die Container liegen in einer zeitlichen Abfolge hintereinander; an frühe Transaktionen von virtuellem Geld werden spätere gekoppelt, also alte an neue Container. Das System gilt als so gut wie fälschungssicher, da all diese Datenbehälter miteinander verkettet sind. Will man die Information in einem alten Container ändern, müsste man gleichzeitig auch alle neueren Container öffnen und manipulieren.

Der peruanische Ökonom Hernando de Soto schlägt daher vor, die fälschungssicheren Blockchains für mehr als nur Geld zu verwenden. Auch Information über Besitz von Land und Immobilien könnte in digitalen Netzwerken festgehalten werden, in einem digitalen Katasteramt. De Sotos Argument: In vielen Staaten kontrollieren korrupte Beamte solche Verzeichnisse und können mit einem Federstrich Menschen enteignen und von ihrem Land vertreiben. Viele Einwohner von Entwicklungsländern haben überhaupt keine schriftlichen Beweise dafür, dass das Haus, in dem sie wohnen, tatsächlich ihnen gehört. De Soto schätzt den Wert dieses "toten Kapitals" auf 20 Billionen Dollar weltweit. Ein unbestechliches Grundbuch, das verteilt auf Tausenden Rechnern liegt, könnte diesen Menschen mit einem Schlag zu ihrem Recht verhelfen.

Illustration: Stefan Dimitrov

Verträge, die sich nicht mehr stoppen lassen

Häufig geht es in der Diskussion um Blockchains um Macht - und deren Umverteilung. "Wenn man Informationen allen zugänglich macht, erreicht man eine Umverteilung von Macht", sagt Mihai Alisie. Der Rumäne hat sich mit seinem Softwareprojekt Akasha einem besonders waghalsigen Machtkampf verschrieben. Er hat sich Facebook als Gegner ausgesucht. Facebook manipuliere die freie Meinungsäußerung, sagt Alisie, Nutzer bekämen nur das zu sehen, was die Werbeumsätze steigere. Jeden Tastendruck auf der Seite überwachten Algorithmen, um den Gefühlszustand der Nutzer zu beobachten und anzupassen. "Manipulation von der schlimmsten Sorte", ärgert sich Alisie.

Daher möchte er ein neues soziales Netzwerk aufbauen, nach dem Vorbild von Bitcoin - so antizentral aufgebaut, dass kein einzelner Konzern mehr die Daten von Nutzern abgreifen kann. Alisies Start-up hat bereits einen Prototypen dieses sozialen Netzwerks entwickelt, Er heißt Akasha (https://akasha.world) und funktioniert ohne Server. Der Programmcode des sozialen Netzwerks ist vollständig auf einer Blockchain - den verknüpften Informationscontainern - gespeichert, für alle sichtbar, nicht etwa geheim wie bei Facebook. Ihre persönlichen Daten sollen die Nutzer dagegen in ihrer eigenen Hand behalten. "Wir holen uns die Kontrolle über das Internet auf individueller Ebene zurück", sagt Alisie.

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All das erinnert an die wilde Urzeit des Internets, als man hoffte, die Technik werde den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft ebnen. Akasha verkörpert den derzeit radikalsten Ansatz, was sich mit einer Blockchain machen lässt: Nicht nur ein Geldwert wird dezentral gespeichert, sondern ein ganzes Computerprogramm.

Allerdings kann dann nicht nur kein böswilliger Staat mehr in den Ablauf eines solchen Programms eingreifen - sondern überhaupt niemand. Erste Programme dieser Art funktionieren bereits, sogenannte "Smarte Verträge", die sich nicht mehr stoppen lassen, sobald sie einmal online sind.