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Buch über "Silk Road":Als der Erfinder der Drogenbörse "Silk Road" die Menschheit befreien wollte

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Darknet-Drogenmärkte sind inzwischen fester Bestandteil des Internets.

(Foto: dpa)

Der Autor Nick Bilton erzählt die Geschichte des "Dread Pirate Roberts" in einem Buch, das sich liest wie ein Kino-Blockbuster.

Von Johannes Kuhn

Am 30. September 2013 läuft die letzte Folge von "Breaking Bad" im amerikanischen Fernsehen. Nicht einmal 24 Stunden später nehmen FBI-Beamte in einer Bücherei in San Francisco einen leidenschaftlichen Fan der TV-Serie fest: Ross Ulbricht, besser bekannt als Dread Pirate Roberts, Gründer und Betreiber der Darknet-Handelsplattform "Silk Road". US-Autor und Vanity-Fair-Kolumnist Nick Bilton erwähnt diese Synchronizität nicht zufällig. Sein Buch "American Kingpin" erzählt die Geschichte der Online-Drogenbörse und ihres Gründers als Studie eines zerfließenden Charakters, dessen Persönlichkeitsveränderung tatsächlich an Breaking Bad-Protagonist Walter White erinnert.

Ross Ulbricht, der die "Silk Road" baut, ist weder ein kriminelles Genie noch Super-Programmierer aus dem Silicon Valley. Der Student der Materialwissenschaften passt vielmehr in die Klischees über Millenials nach der Finanzkrise 2008: Ein junger und intelligenter Mensch, der sein Potenzial nicht ausschöpfen kann; orientierungslos zwischen dem eigenen Talent, dem Wunsch nach einer sinnvollen Beschäftigung und der Gefahr des permanenten beruflichen Stillstands.

Mit 27 findet Ulbricht, von der libertären Philosophie und der Idee einer Legalisierung sämtlicher Drogen angefixt, seine Mission. Durch die neue, anonyme Krypto-Währung Bitcoin und das Darknet kann er sein "Amazon für Drogen" zusammenstöpseln, wo er zunächst selbst angebaute Magic Mushrooms anbietet. Viral verbreitet, zieht die Idee schnell Dealer und Konsumenten an. Ulbricht gilt als umsatzbeteiligter Betreiber, Webmaster und Kartell-Boss in Personalunion. Allerdings führt ihn das Leben als rund um die Uhr erreichbarer digitaler Nomade in die Isolation. Dabei treibt Ulbricht stets die Angst um, Spuren zu hinterlassen oder es bei seinen über Chat gelenkten Mitarbeitern mit Spitzeln zu tun zu haben. Bilton hat mit Dutzenden Beteiligten gesprochen (allerdings nicht mit dem einsitzenden Ross Ulbricht selbst), Gerichtsakten und Tausende von Chatprotokolle gewälzt. Alles, um die Geschichte vom Gejagten und den jagenden Ermittler minutiös zusammenzuschneiden. Das Buch dürfte nicht nur Biltons Ruf als wichtigster Chronist des gegenwärtigen Hochtechnologie-Zeitalters zementieren; mit seinen Details und Einblicken wird es auf absehbare Zeit auch das Geschichtsbuch der "Silk Road" sein.

Ulbricht erschafft während seines Aufstiegs die Kunstfigur "Dread Pirate Roberts", die Walter Whites Alter Ego Heisenberg ähnelt und wie in "Breaking Bad" immer stärker Whites ursprüngliche Persönlichkeit verdrängt. Der Unterschied: "DPR" ist eine Art Internet-Prominenter und glaubt, in seiner Laptop-Welt auf einer Mission zu sein. "'Wenn Euch jemand fragt, was Ihr tut", schreibt er einmal seinen "Kundendienst"-Mitarbeitern, "würdet Ihr sagen 'Ich kümmere mich um anderer Leute Probleme' oder 'ich arbeite daran, die Menschheit zu befreien?'" In der Praxis erlaubt Ulbricht unter diesem Vorwand den Verkauf von harten Drogen wie Heroin, von Waffen, Organen, Zyanid für Selbstmorde - und beruft sich dabei stets auf die Wahlfreiheit des Einzelnen. Je weiter "Dread Pirate Roberts" seine kriminellen Grenzen austestet, desto stärker versteht er sich als Wegbereiter für die vollständige Drogen-Legalisierung. Als ihn das FBI fasst, ist er nicht nur geschätzte 30 Millionen Dollar reich, sondern hat auch fünf Morde in Auftrag gegeben. Ein Gericht verurteilt ihn später zu lebenslanger Haft.

Würde die breite Öffentlichkeit die Silk Road anders betrachten, wenn es beim Verkauf von Drogen geblieben wäre? Bilton hütet sich davor, eindeutig Stellung zu beziehen. Einerseits zeigt er Sympathien für Ulbrichts Argument, dass die Online-Bestellung zwar nicht den Drogenkonsum, aber zumindest den Kauf - im Vergleich mit dem Straßenhandel - ungefährlicher macht. Andererseits zieht er Verbindungen zur amerikanischen Heroin-Epidemie und schildert das Schicksal eines Teenagers, der nach dem Konsum einer synthetischen Droge des Silk-Road-Fundus aus dem Fenster springt und stirbt.

Vor moralischen Fragen schreckt "American Kingpin" nicht zurück, füllt aber darüber hinaus noch eine wichtige Leerstelle: Ulbrichts virtueller Schwarzmarkt war während seiner kurzen Existenz zwischen 2011 und 2013 ja nicht nur als illegales Untergrund-Amazon bekannt, sondern als problemlos zugänglicher Ort offener Kriminalität und fast unmöglicher Strafverfolgung. Damit symbolisierte er auch eine Grundangst vor dem Kontrollverlust im Internet-Zeitalter, in dem anonyme Webseiten Eingangstore zu digitalen Schattenwelten voller Gesetzlosigkeit und Anarchie werden.

Die Silk-Road-Geschichte zeigt, dass Ermittlungen im anonymen Teil des Netzes mit großem Aufwand erfolgreich sein können, das Phänomen aber damit nicht verschwindet. Darknet-Drogenmärkte sind inzwischen ein fester Bestandteil des Internets, sie entstehen und verschwinden meist innerhalb weniger Monate - oft betrügen die Betreiber Händler und Kunden um hohe Geldbeträge und tauchen danach spurlos unter. Am Ende könnte es nicht Polizeiarbeit, sondern vor allem diese Gier sein, die das Geschäftsmodell anonymer Drogen-Marktplätze langfristig kollabieren lässt. Auch das ist eine Erkenntnis von "American Kingpin".

© SZ.de/biaz/cag
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