Anhalter-Roboter "Hitchbot" Super Tramp

6000 Kilometer soll der Hitchbot zurücklegen. Eine ausfahrbare Stütze sorgt dafür, dass er beim Warten nicht umfällt.

(Foto: Paul Darrow/Reuters)

Der süßeste Tramper der Welt ist unterwegs. Roboter Hitchbot fährt per Anhalter quer durch Kanada und erobert die Herzen im Sturm. Mit Autofahrern diskutiert er über Eishockey oder die Existenz Gottes. Auf dem Highway ist das Zusammenleben von Mensch und Maschine gar nicht kompliziert.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Der Anhalter trägt mitten im Sommer gelbe Gummistiefel und knallgrüne Handschuhe, ins Auto steigt er nicht selbst ein, sondern lässt sich tragen. Wer würde einen solchen Freak mitnehmen wollen?

Die Antwort lautet: ganz Kanada. Fasziniert verfolgt das Land derzeit, wie der kleine Tramp-Roboter Hitchbot seinen Weg vom Osten in den Westen des Landes macht - und das ganz alleine. Am Sonntag begann die Reise in Halifax, Novia Scotia. Auf der Hitchbot-Seite und über die sozialen Medien lässt sich das Abenteuer verfolgen.

Schon in den ersten Tagen hat der kleine Roboter eine Menge erlebt: Die Fotos, die er regelmäßig automatisch knipst, zeigen ihn in einem Wohnwagen, im Wald und einer Küche. Zudem twittern die Fahrer, die ihn am Rande der Straße auflesen, Fotos von der gemeinsamen Fahrt.

Hitchbot ist eine Mischung aus sozialem Experiment und Kunstprojekt, das der Kommunikationswissenschaftler David Harris Smith von der McMaster Universität in Hamilton und die Deutsche Frauke Zeller entwickelt haben. "Normalerweise stellen wir die Frage, ob Menschen Robotern vertrauen können", erzählt die Computerphilologin von der Ryerson University in Toronto, "Wir wollten das philosophisch auseinandernehmen und fragen: Können Roboter Menschen vertrauen?"

Die Hitchbot-Reise ist deshalb eine Lektion in Kontrollverlust: Zeller und ihr Team sehen wie alle anderen nur die GPS-Koordinaten des derzeitigen Aufenthaltsortes. Der Zielort Victoria und eine kleine Gebrauchsanleitung sind am Körper des Roboters angebraucht, damit seine Fahrer ihn beispielsweise an den Zigarettenanzünder stecken, um den Akku aufzuladen. Alles andere ergibt sich aus den Zufällen, die das Tramperleben so mit sich bringt.

Ein Roboter, der gerne redet

Entführungen sind allerdings unwahrscheinlich: Hitchbots Rumpf ist ein Eimer, seine Gliedmaßen Schaumstoffrollen. Im Inneren steckt ein Android-Tablet, drei Bildschirme geben ihm die typisch menschlichen Gesichtszüge. Über Mikrofon, Kamera und Lautsprecher kann der Hitchbot mit der Außenwelt in Kontakt treten.

Weil er automatisch im Plaudermodus ist und die beliebte Chatbot-Software Cleverscript integriert hat, kommt er schnell mit seinen Fahrern ins Gespräch (er guckt Fußball und Eishockey, backt und reitet gerne). Als Schlaumeier kann er Wikipedia-Artikel vorlesen oder erzählen, wie das Wetter ist. Um Geschichten mit nach Hause zu nehmen, bittet der Hitchbot manchmal auch sein Gegenüber, 60 Sekunden lang etwas zu erzählen. Ein Fahrer berichtet sogar davon, mit ihm über die Existenz Gottes geplaudert zu haben.

Bislang funktioniert die Reise reibungslos, sehen wir einmal davon ab, dass sich der Hitchbot derzeit Richtung Norden bewegt. Mehr noch: Als der kleine Anhalter vor einer Tourismus-Information abgestellt wurde, rief eine Kanadiern dort an, um eine Steckdose für ihn zu organisieren.

"Ich bin überrascht, wie stark die Teilnahme über soziale Medien ist", sagt Roboter-Mutter Zeller. "Viele der Menschen, die seine Reise verfolgen, werden ihn niemals treffen oder anfassen. Und sie bauen trotzdem eine Nähe zu ihm auf und entwickeln positive Gefühle."

Den Menschen, lässt sich bislang also sagen, kann ein Roboter vertrauen. Zumindest, wenn er die Größe eines Sechsjährigen hat und sein Verhalten Grundzüge des Menschlichen trägt. Zumindest in den sozialen Netzwerken entwickeln viele Kanadier sogar Beschützerinstinkt, verknüpfen die heile Ankunft des Roboters mit der nationalen Eigenschaft, Rücksicht auf andere zu nehmen.

Am Ende ein hilfloses Wesen

In Zeiten, in denen Skeptiker "nehmen uns Roboter die Jobs weg?" fragen, erdet die Aktion auch die laufende Diskussion über Automatisierung. Trotz aller Fortschritte in Sachen künstlicher Intelligenz sind Roboter weiterhin hilflose, von Menschen programmierte, abhängige Wesen. "Wir kreieren diese Technik selber, also können wir die Verantwortung für Entwicklungen nicht so einfach auf die Maschinen schieben", sagt Zeller.

Wenn der Hitchbot in einigen Wochen Victoria im äußersten Westen des Landes erreicht, wird er mit einer großen Party empfangen. Danach wollen die Entwickler seine Reise auswerten und Forschungsgeld für einen weiteren, größeren Trip durch Kanada einsammeln. Auch in den USA gibt es Interesse, den Roboter auf Reisen zu schicken.

"Mein Traum wäre, ihn nach Europa zu bringen", sagt Zeller. Dafür müsse der Hitchbot allerdings erst noch einige Sprachen lernen: Bislang versteht der kleine Anhalter nur Englisch.