Airtags Digitale Etiketten auf der Realität

Per Internet-Handy können wir künftig reale Orte mit digitalen Informationen, Bildern oder Videos unterfüttern.

Von Johannes Boie

Mit der Gegenwart überforderte Zeitgenossen glorifizieren gerne die vermeintliche Einfachheit und Verständlichkeit der Vergangenheit. Auch in Zukunft dürfte es diesen Menschenschlag geben und etwas, was ihm dann an unserer Zeit besonders sympathisch erscheinen wird, dürfte die klare Trennung zwischen fassbarer Realität und digitaler Virtualität. Längst setzt die Menschheit nämlich eine Menge daran, diese klare Grenze zu verwischen.

Da ist zum Beispiel die Erfindung "Sekai Kamera" des japanischen Softwarekonzernes Tonchidot. Bei ihr handelt es sich - anders als der Name vermuten lassen würde - nicht um eine Kamera im herkömmlichen Sinne, sondern um ein kleines Zusatzprogramm von Apples iPhone.

Wer nun das japanische Programm auf dem kalifornischen Mobiltelefon installiert, kann Nachrichten, Bilder, Videos oder Audioaufnahmen in realen Räumen platzieren - die allerdings nur für Menschen sichtbar sind, die ein iPhone besitzen, dass mit derselben Software ausgestattet ist. Diese Nachrichten nennt man Airtags, weil sie wie ein virtuelles Etikett (engl. Tag) in der Luft hängen.

Ein virtuelles Netz über der realen Welt

Das klingt kompliziert, funktioniert tatsächlich aber sehr einfach: Mit iPhone und Sekai Kamera ausgestattet betritt man zum Beispiel die Theatinerkirche in München. Wie durch eine Brille betrachtet man nun seine Umgebung durch das Display seines Handys. Darauf sieht er die Innenräume der Barockkirche, die das Handy durch die eingebaute Kameralinse filmt und in Echtzeit auf den Bildschirm zaubert.

Gleichzeitig und für den Nutzer unbemerkt, gleicht das Handy allerdings seine Positionsdaten per GPS mit den japanischen Servern der Firma Tonchidot ab - und überprüft so, ob in diesem Raum ein anderer Nutzer bereits eine Nachricht hinterlassen hat.

Sollte dem so sein, wird die Nachricht exakt an der Stelle, an der sie hinterlassen wurde, auf dem Display eingeblendet. Wer sie entdeckt, kann sie hören, lesen oder betrachten. Und natürlich kann ein anderer Nutzer bestehende Airtags kommentieren oder erweitern.

So entsteht Stück für Stück, ein virtuelles Netz aus digitalen Erweiterungen der Realität, das parallel zur tatsächlichen Welt entwickelt wird. Reale Orte erhalten mit jedem Airtag ein Abbild in der virtuellen, digitalen Welt. Aber, könnte man hier fragen, warum muss es eigentlich ein parallel zur Realität existierendes virtuelles Netz überhaupt geben? Was hilft's?

Nun, zunächst einmal kann festgehalten werden, dass es viele Menschen - derzeit vor allem experimentierfreudige Künstler in Museen - gibt, die Airtags bereits mit Freude einsetzen.

Und dann gibt es natürlich ganz praktische Gründe, die für das Konzept des Airtaggings sprechen: Warum nicht in der Theatinerkirche ein Bild von der Kirche bei Nacht für die Gäste am Tage hinterlassen? Warum nicht den Lexikonartikel aus der Wikipedia über die Kirche in der Kirche hinterlassen?