Wandel der Erziehung Die Kindoptimierer

Pränatal-Yoga, Babyschwimmen, Krabbeltraining - und in der Schule geht es erst richtig los. Der Streit um Kita-Ausbau und Herdprämie verdeckt den Blick auf das wahre Problem der Familien: Eltern streben heute nach "Fürsorgeoptimierung". Doch damit überfordern sie nicht nur ihre Kinder, sondern auch sich selbst.

Ein Gastbeitrag von Monika Bittl

Neulich forderte der Europarat, "Vater" und "Mutter" abzuschaffen und stattdessen den Begriff "Elter" für Erzieher beiderlei Geschlechts zu verwenden. Die Meldung blieb mir im Gedächtnis als kurioses Beispiel dafür, wie Behörden und Politiker sich einerseits in unser Familienleben einmischen wollen und andererseits für reale Probleme weder eine Wahrnehmung noch Konzepte haben.

Zwar streiten sich verschiedene Parteien über Kitaausbau, Herdprämien oder Steuererleichterungen, aber viele Mütter hören den Debatten schon lange nicht mehr zu. Nicht bloß, weil sie einfach keine Zeit dafür haben, sondern weil sie die phantasielosen Verbesserungsversuche als Marginalie eines zentralen, ganz anderen Problems heutiger Familienwirklichkeit wahrnehmen.

Dieses zentrale Problem ist die "Fürsorgeoptimierung", mit der wir unsere Kinder und uns selbst ständig überfordern und es nie schaffen, all die Ansprüche zu erfüllen. "Fürsorgeoptimierung" wird als private Angelegenheit und diffuser Stress verortet, da er nicht öffentlich wahrgenommen wird oder es gar eine Debatte dazu gibt. Auch weil wir keinen gängigen Begriff dafür haben, empfinden wir die Zustände als hausgemacht und nicht als allgemeines, gesellschaftliches Phänomen.

Kinder als Glücksversprechen

Seitdem Kinder nicht mehr das zufällige Nebenprodukt eines Geschlechtsverkehrs sind, sondern das sorgfältig terminierte Glücksversprechen im Leben zweier Erwachsener, wird ihre Entwicklung von der Wiege bis zum Abitur gefördert, überwacht und ständig optimiert. Abweichungen von einer vorgeblichen Norm werden sofort therapiert, denn unsere Wunschkinder sollen gefälligst halten, was wir uns von ihnen versprochen haben.

Frühkindliche Förderung beginnt heute schon im Mutterleib mit Pränatal-Yoga, nach der Entbindung geht es zum Babyschwimmen und in die Ergotherapie zum Krabbeltraining. Schon Kleinkinder haben oft drei Kurse die Woche, in die Mütter sie nach dem Kindergarten fahren. Berge an Ratgeberliteratur zu Erziehung, gesunder Ernährung und naturheilkundlicher Medizin werden gelesen und nachts wird nach pädagogisch wertvollem und ungiftigem Spielzeug im Internet gesucht.

Wer bis dahin glaubt, die neuen Mütter litten einfach unter einem Förderwahn, wird mit der Einschulung eines Besseren belehrt. Jetzt zeigt sich: Das System hat Methode, niemand kann sich ihm mehr entziehen. Schon in der Grundschule werden wir aufgefordert, mit den Kindern Lesen, Rechnen und Ausmalen zu üben. Wer bloß die Hausaufgaben kontrolliert und nicht aktiv mitwirkt, wird der Vernachlässigung der Kinder verdächtigt. Wer auf der weiterführenden Schule den Geschichtsstoff der letzten Stunde des Sohnes gerade nicht präsent hat oder wer am Tag vor einer Ex versäumte, die Tochter Vokabeln abzufragen, müsse sich nicht wundern, wenn "sie ihr Klassenziel nicht erreichen", wie eine Lehrerin sagte.

Ob Mittelschule oder teure Privatschulen, ob Bayern oder Berlin - die Schule wird immer mehr ins Elternhaus verlagert. Vormals klar definierte Kompetenzbereiche (zu Hause: charakterliche Erziehung, Schule: Wissensvermittlung) vermixen sich zu einem Stresscocktail aus Machtkämpfen beim Schulstoff-Lernen und der Urlaubsplanung nach anstehenden Tests.