SZ-Schülergipfel "Lehrer sind doch auch nur Menschen"

Sechs Jugendliche, sechs Bildungskarrieren, sechs Erfahrungsschätze - beim SZ-Schülergipfel wird offen gesprochen: Wie soll er denn sein, der ideale Pädagoge? Was macht guten Unterricht aus? Und ist unser Schulsystem eigentlich gerecht?

Von Johanna Bruckner, Johann Osel und Melanie Staudinger

"Auf die Lehrer kommt es an" - so heißt es zumindest stets bei jeder Diskussion über die Schulen. Was macht eurer Ansicht nach einen guten Lehrer aus?

Clara: Ein guter Lehrer muss sich nicht nur für sein Fach interessieren, sondern auch Freude haben, es zu präsentieren. Und er muss sich im Stoff so gut auskennen, dass er die Aspekte herausgreifen kann, die bei uns Schülern Begeisterung wecken. Es reicht nicht, nur den Lehrplan abzuarbeiten. Für mich muss ein guter Lehrer außerdem etwas von sich preisgeben, ich muss wissen: Was ist das für eine Person? Nur dann bin ich als Schüler auch bereit, mich voll auf sie oder ihn einzulassen.

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Ena: Ich finde das Klassenlehrer-Prinzip hier in Deutschland toll - das gibt es in den USA nicht, wo ich viele Jahre zur Schule gegangen bin. Man lernt seine Lehrerin, seinen Lehrer kennen, baut Vertrauen auf. Ich hatte viele Momente, in denen ich an der deutschen Sprache fast verzweifelt wäre und dachte: Ich schaff das nie. Meine Klassenlehrerin, die ich auch in Deutsch hatte, hat mich motiviert, war für mich da.

Georg: Das Wichtigste ist, dass die Person qualifiziert ist. Jemand, der sich in seinem Fach nicht auskennt, kann keinen guten Unterricht halten. Wenn ich merke, dass mein Nebensitzer von Betriebswirtschaft mehr weiß als mein Lehrer, weil er schon eine Ausbildung gemacht hat, dann ist es vorbei mit der Aufnahmebereitschaft. Und auch mit dem Respekt irgendwie.

Kassem: Ich sehe das genauso: Ein guter Lehrer ist vor allem fachlich kompetent. Er kann die Fragen von Schülern beantworten, auch über den Stoff hinaus.

Clara: Ich finde nicht, dass sie alles wissen müssen. Ich habe eine Lehrerin, die auch mal sagt: "Da bin ich überfragt, sorry, das muss ich nachgucken." Ehrlichkeit ist für mich mehr wert, als wenn sie auf jede Frage sofort irgendeine Antwort hätte.

Ena: Man muss nicht alles wissen. Man muss nur wissen, wo es steht, heißt es ja.

Clara: Ein schlechter Lehrer denkt: "Ich hatte letztes Jahr eine Neunte, ich hab' dieses Jahr eine Neunte - ist ja super, dann kann ich einfach mein altbewährtes Programm durchziehen." Ein guter Lehrer fragt sich: Wie ticken meine Schüler? Wie schnell sind die? Er versucht, das Beste aus ihnen herauszuholen. Jede Stunde neu.

Muss ein guter Lehrer streng sein?

Arberie: Nein. Wir haben eine junge Lehrerin, die sehr locker ist, manchmal vielleicht zu locker. Wenn wir es darauf anlegen würden, hätte sie wahrscheinlich schon Probleme gekriegt. Das machen wir aber nicht, weil ihr Unterricht wirklich toll ist.

Georg: Das richtige Maß ist wichtig. Lässt der Lehrer die Zügel zu sehr schleifen, verlieren die Schüler den Respekt. Ist er zu streng, dann entsteht Antipathie. Und wenn ich jemanden nicht mag, kann ich ihm nicht zuhören.

Clara: Ich glaube, streng ist eh das falsche Wort. Ein guter Lehrer muss eine natürliche Autorität besitzen. Wenn jemand dagegen Autorität nur spielt, weil er anders nicht weiterkommt, dann werden ihn die Schüler weniger respektieren.

Kassem: Natürliche Autorität kann einem kein Professor an der Uni beibringen. Die hat man als Lehrer. Oder eben nicht.

Ist diese "natürliche Autorität" auch eine Frage des Alters? So dass man jüngeren Lehrern eher mal auf der Nase herumtanzen kann?

Clara: Alter und Berufserfahrung verstärken die natürliche Autorität. Bei jüngeren Lehrern denkt man sich als Schüler eher: "Mal schauen, wie weit wir bei dem gehen können ..." Wobei es auch Referendare gibt, die eine natürliche Autorität haben.

Arberie: Ich hatte in der fünften und sechsten Klasse einen älteren Lehrer, der sehr streng war. Wenn er ins Klassenzimmer kam, war die Stimmung sofort anders. Wir hatten nicht direkt Angst vor ihm, aber es war klar: Gesprochen wird nur nach Aufforderung. Bei ihm waren wir die ganze Stunde aufmerksam und konzentriert. Man konnte ihm nicht nicht zuhören.

Also ist es auch nötig, dass ein guter Lehrer eine durchdachte Darbietung abliefert, ein guter Entertainer ist?

Georg: Er muss zumindest Entertainer-Qualitäten besitzen. Am schlimmsten ist es, wenn ein Lehrer mit monotoner Stimme immer in Richtung Tafel spricht. Da kann man nicht zuhören, egal wie interessant das Gesagte vielleicht sein mag. Wenn ein Lehrer dagegen eine Show aus dem Unterrichtsstoff macht, ist man dabei.

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Clara: Lehrer ist auch eine Rolle. Wenn sich ein Lehrer vor die Klasse stellt, gilt das Gleiche wie bei einem Schauspieler: Er muss präsent sein. Wenn sich einer hinterm Pult vergräbt, sodass ihn überhaupt nur die ersten beiden Reihen sehen - wen wundert's da, wenn die Schüler in den hinteren Reihen sich Zettelchen schreiben, Musik hören oder sogar schlafen?

Kassem: Ein guter Entertainer schafft es, einen Bezug zu seinem Publikum herzustellen. Den meisten meiner Lehrer gelingt das nicht, weil sie zu alt sind, weil sie zu weit weg sind von der Lebenswelt ihrer Schüler. Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, wie sie auf die Klasse wirken.

Arberie: Mir ist Authentizität wichtiger. Ich will nicht, dass mir mein Lehrer was vorspielt, das er gar nicht ist.

Roman: Wir Schüler merken es sofort, wenn sich einer nur anbiedern will. Ganz schlimm sind Lehrer, die cool sein wollen, indem sie Jugendsprache-Wörter verwenden. Oder sogar noch falsche.

Georg: Wenn mein Lehrer plötzlich anfangen würde, "yolo" (Akronym für: "You only live once", Anm. d. Red.) und "swag" (Jugendsprache für: Lässigkeit, Anm. d. Red.) zu sagen, würde ich ihn auslachen.

Arberie: Das wäre aber mal eine echte Botschaft: "Yolo - also macht eure Hausaufgaben nicht!"

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