Studium Uni vergibt "Anti-Streber-Stipendium"

Auch Scheitern und Wiederaufstehen ist eine Kompetenz, findet die Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Deswegen lobt sie ein Stipendium speziell für Sitzenbleiber, Legastheniker und "Nerds" aus. Wie die vermeintlich Leistungsschwachen Unternehmen produktiver machen sollen.

Von Julia Nadenau

Ehrenrunde statt Einser-Abitur, Rechtschreibschwäche statt Wunderkind? Was in einer Zeit absurd klingt, in der schon Kleinkinder mit Chinesisch-Kursen ihren Lebenslauf trimmen müssen, will die Zeppelin-Universität (ZU) zum Programm machen. Mit ihrem jüngst gegründeten "Anti-Streber-Stipendium" räumt die private Hochschule in Friedrichshafen mit dem Bild des Muster-Stipendiaten auf - und sucht Bewerber ohne lückenlose Lebensläufe.

"Stipendien für Hochbegabte, für Menschen mit herausragenden Leistungen und geradlinigem Lebenslauf gibt es reichlich", sagt ZU-Vizepräsident Tim Göbel. Auch das Scheitern und Wiederaufstehen sei eine Kompetenz. "Unser Stipendium richtet sich an all diejenigen, die sonst nie eines bekommen würden." Dies seien etwa Legastheniker, Sitzenbleiber, Gründungspleitiers, auch "Nerds" zählt man ausdrücklich zu den potenziellen Kandidaten für die sogenannten Diversitätsstipendien. Hauptsache anders, so die Devise.

Doch eine Biografie mit Ausreißern allein ist keine Garantie auf einen der ausgeschriebenen Studienplätze samt Stipendium. "Wir erwarten Bewerber, die herausragend sind trotz und wegen ihres Hintergrunds", so Göbel. Auch hier müssen Bewerber hervorstechen, durch soziales Engagement etwa - oder einfach eine starke Persönlichkeit. "Wichtig ist, dass wir merken, dass der Bewerber die Lücken in seinem Lebenslauf reflektiert hat und Selbstbewusstsein mitbringt", erklärt Göbel.

Wozu der Aufwand?

Vergangenes Semester hatte die Hochschule am Bodensee zunächst Stipendien für Studienabbrecher ausgeschrieben. Für Billy Peña Contreras kam dieses Angebot wie gerufen. Nach fünf Semestern Betriebswirtschaft hatte er sich eingestanden, dass er seine Erfüllung damit wohl verfehlt. Ein Schwenk zu Kultur- und Gesellschaftswissenschaften sollte es sein. Heute kann der 24-Jährige als Studienabbrecher-Stipendiat im Fach Medien und Kultur seiner Leidenschaft nachgehen.

"Das Stipendium bot mir einen Neuanfang und war ein Anstoß, mich endlich mit den Themen zu beschäftigen, die mich bewegen", sagt er. Vom Wintersemester an sollen mit der Erweiterung des Programms nun noch mehr außergewöhnliche Bewerber eine Chance auf eines der insgesamt zwölf Stipendien für die Bachelorstudiengänge bekommen.

Doch wozu betreiben die Friedrichshafener den ganzen Aufwand? Immerhin genießt die staatlich anerkannte Stiftungshochschulen in Rankings einen guten Ruf und bekommt in der Regel mehr Bewerber, als sie Studienplätze zu vergeben hat. Sie dürfte es also nicht nötig haben, Studenten zusätzlich anzuwerben.

Vielfalt als Chance

"Teams mit strategischer Diversität sind selbstkritischer und selbstbewusster, wachsamer und achtsamer", sagt Vizepräsident Göbel. "Diese Vielfalt, die viel zu oft an den Universitäten außen vor bleibt, wollen wir integrieren." Sprich: Leistungssteigerung durch vermeintlich Leistungsschwache.

Tatsächlich ist dieses Vorgehen nicht ganz neu, sondern in der Wirtschaft vor allem in der USA durchaus im Kommen. Im Rahmen eines Diversity-Managements stellen Unternehmen Mitarbeiter-Teams gezielt aus Menschen mit verschiedenen Ethnien, Religionen oder Kompetenzen zusammen. Das soll die Chancengleichheit verbessern, Diskriminierung vorbeugen und ein produktives Unternehmensklima schaffen. An Hochschulen, meinen Experten, könnten derlei Initiativen mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen und auch gegen den Fachkräftemangel helfen. Tenor: Vielfalt als Chance.

Vor diesem Hintergrund wirkt der neue Slogan des Anti-Streber-Stipendiums - "Du bist ein Nerd? Werde deswegen Stipendiat!" - gar nicht mehr so skurril.

Wie sich Studenten danebenbenehmen

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