Studienkredite in den USA Studienschulden von Zehntausenden Amerikanern könnten sich in Luft auflösen

Grund zu feiern ist ein Studienabschluss in jedem Fall (Archivbild). Viele US-Studenten könnten nun noch aus einem anderen Grund jubeln.

(Foto: Kevin Rivoli/AP)
  • Aufgrund eines Formfehlers könnten Zehntausende junge Amerikaner kurzfristig ihre Studienschulden los sein.
  • Offenbar hat es einer der größten Besitzer privater Studienkredite in den USA, der National Collegiate Student Loan Trust, versäumt, den Ankauf von Bildungsdarlehen einwandfrei zu dokumentieren.
  • Vor Gericht haben bereits viele Ex-Studenten recht bekommen. Sie sind nun schuldenfrei.
Von Johanna Bruckner, New York

Mit Schulden aus dem Studium zu kommen, ist eine Bürde, die über das Finanzielle hinausgeht. Mal davon abgesehen, dass es für junge Menschen mit dem Einstiegsgehalt schon schwierig genug sein kann, das tägliche Leben zu finanzieren. Während die meisten deutschen Studenten die Uni-Zeit privat oder mithilfe von Bafög finanzieren und die Belastung durch einen Studienkredit eher die Ausnahme darstellt, sind Darlehen in den USA der Preis, den es für einen höheren Bildungsabschluss zu bezahlen gilt - oft noch Jahrzehnte nach College oder Uni.

Jetzt könnte ein massenhafter formaler Fehler wenigstens einige Ex-Studenten von ihren Schulden befreien. Die New York Times berichtet von Zehntausenden jungen Kreditnehmern, die mit ihren Raten im Rückstand sind und mit einem Schlag ihren Schuldenberg los sein könnten. Denn offenbar hat es einer der größten Besitzer privater Studienkredite in den USA, der National Collegiate Student Loan Trust, versäumt, den Ankauf von Bildungsdarlehen einwandfrei zu dokumentieren. Weswegen US-Richter bereits in Dutzenden Fällen für die Schuldner entschieden haben.

Immer mehr Studierende müssen nebenbei arbeiten

Sonst könnten sie ihr Studium kaum finanzieren, zeigt die aktuelle Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. mehr ...

So wie im Fall von Samantha Watson, heute 33 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Sie hatte 2013 ihren College-Abschluss gemacht - als Erste ihrer Familie. Psychologie am Lehman College im New Yorker Stadtteil Bronx. Finanziert hatte die junge Frau ihr Studium über einen privaten Kredit. Ein Fehler, wie sie rückblickend sagt, denn was sie da bei der Bank unterschrieb, verstand sie nicht: "Jeder erzählt dir, dass du aufs College gehen sollst, einen guten Abschluss machen sollst, und alles wird gut werden. Also habe ich genau das gemacht."

Verschwundene Dokumente, getürkte Papiere

Als Watsons Tochter krank wurde und sie ihren Job als Assistentin in der Geschäftsführung aufgeben musste, geriet sie mit ihren Zahlungen in Rückstand. Und sah sich plötzlich mit rechtlichen Forderungen konfrontiert. Watson suchte sich Hilfe bei einer gemeinnützigen Rechtsberatung - und bekam am Ende recht. National Collegiate war nicht in der Lage, die entsprechenden Verträge vorzulegen, die bewiesen hätten, dass Watson dem Trust Geld schuldete. Die Dokumente waren einfach verschwunden. An einer Stelle hätten die gegnerischen Anwälte versucht zu belegen, dass seine Mandantin an einem College eingeschrieben war, an dem sie nie studiert hatte, erzählte Watsons Anwalt der New York Times.

Die Ironie der Geschichte von Samantha Watson und anderen Ex-Studenten: Entlastet werden durch die Urteile genau jene jungen Menschen, die die härtesten Rückzahlungsbedingungen haben - Kreditnehmer privater Banken. Sie zahlen im Vergleich zu staatlichen Darlehen deutlich höhere Zinsen, mitunter im zweistelligen Bereich. Und sie müssen sich an einen strikten Ratenplan halten. Andernfalls drohen schnell juristische Konsequenzen. Doch genau die Klagefreude wird dem Kreditaufkäufer National Collegiate nun zum Verhängnis: Denn vor Gericht fielen die allermeisten Klagen schnell in sich zusammen, schreibt die New York Times. Es fehlten die nötigen Papiere, die beweisen, dass die Beklagten tatsächlich die Kreditnehmer sind; außerdem die Dokumentation, wer das Darlehen wann an wen weiterverkauft hat.

Dem Blatt zufolge wird derzeit an amerikanischen Gerichten über einen Gesamtschuldenberg von fünf Milliarden US-Dollar verhandelt. Übrig bleiben könnte am Ende ein Maulwurfhügel - inklusive löchrigem Untergrund. Verantwortlich dafür sind für Laien nicht ganz einfach nachzuvollziehende Geschäfte mit Krediten.