Sprachreform an der Uni Leipzig "Wir waren nüchtern"

Beate Schücking, 57, studierte Medizin und Philosophie, 1989 übernahm sie ihre erste Professur. Seit März 2011 ist sie Rektorin der Uni Leipzig.

(Foto: dpa)

Der "Professor" hat ausgedient an der Uni Leipzig, künftig firmieren dort beide Geschlechter als "Professorin". Im Interview erzählt Hochschulrektorin Beate Schücking, wie das Ja zur Sprachreform in einem männerdominierten Gremium zustande kam. Und welche Botschaft sie an ihre Kritiker hat.

Von Marc Felix Serrao

Seit bekannt geworden ist, dass die Universität Leipzig in ihrer Grundordnung nur noch die weibliche Anrede für Studenten und Dozenten verwenden will, gibt es mal wieder eine Debatte über Frauen, Männer und das richtige Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Ist die Entscheidung des Hochschulgremiums ein mutiger Schritt in Richtung "Geschlechtergerechtigkeit" oder ideologischer Irrsinn, wie viele Kritiker meinen?

SZ: Ihre Mitarbeiterin hat gerade gesagt: "Ich verbinde mit Frau Professor Schücking." War das korrekt?

Beate Schücking: Das ist der übliche Sprachgebrauch. Daran wird sich an der Uni Leipzig auch nichts ändern.

Dann reden wir über das, was sich ändert. In der Grundordnung Ihrer Hochschule gibt es künftig nur noch die Professorin, die Rektorin, die Wissenschaftlerin. Die männlichen Anreden fehlen komplett, per Fußnote wird erklärt, dass das Femininum auch die Männer meint. So weit richtig?

Richtig. Unser erweiterter Senat, der die Grundordnung bestimmt, hat darüber diskutiert, wie wir mit dem Thema geschlechtergerechte Sprache umgehen. Die Schrägstrichvariante - Professor/Professorin - fanden alle schrecklich. Dann die klassische Variante: Man nimmt die männliche Form und schreibt am Anfang eine kleine Fußnote, dass die Frauen sich bitte mitgemeint fühlen sollen. An dem Punkt haben mehrere Teilnehmer darauf hingewiesen, dass wir in vielen Statusgruppen, etwa bei den Studierenden, mehr Frauen haben. Deshalb wäre die klassische Variante ungerecht und die weibliche Form besser. Da haben sogar Mathematikprofessoren in der Runde gesagt: stimmt, geht beides. Ja, und dann hat sich die Mehrheit für die weibliche Version ausgesprochen.

Wie viele Mitglieder hat das Gremium?

Wenn alle da sind, etwa 80.

Davon Männer?

Die Mehrheit. Auch deshalb war ich überrascht über die Wahl.

Da sind Sie nicht allein. Ein Kommentator meinte, dass Leipzigs Akademiker in "Auerbachs Keller" ja traditionell gerne in "neue Dimensionen" vorstoßen. Waren Sie und Ihre Kollegen bei der Abstimmung nüchtern?

Wir waren nüchtern. Und ich muss sagen, dass mich die Heftigkeit einiger Kommentare überrascht hat. Da wird von vielen auch ein Missverständnis gesät, als ob die neue Grundordnung so furchtbar viel verändern würde.

Aber dass so ein Schritt ein Echo auslöst, müssen Sie doch geahnt haben.

Klar war uns bewusst, dass wir uns für die überraschende Variante entschieden haben. Aber dass das so einen Wirbel gibt: "Lächerlich", "peinlich". . .

... "Wahnsinn", "Irrsinn".

Wahnsinn, ja. Bis hin zu richtig aggressiven Äußerungen. All das zeigt, dass es mit der Gleichstellung noch nicht so weit her ist. In der Wissenschaft hinkt Deutschland weit hinterher, was den Anteil von Frauen angeht. Wenn ich mir das ansehe, dann haben wir mit unserer Entscheidung vermutlich eine sinnvolle Debatte angestoßen.

Sie glauben, dass der Titel "Professorin" in Ihrer Grundordnung dafür sorgt, dass mehr Frauen in die Wissenschaft gehen?

Es ist ein symbolischer Akt. Aber vielleicht hilft er, die Debatte über Geschlechtergerechtigkeit an den Unis zu beleben. Gerade an der Spitze haben wir auch in Leipzig noch viel zu wenig Frauen.