Schule "Ein Lehrer pro Klasse ist zu wenig"

Kinder sollten individuell gefördert werden, findet Schulleiterin Maike Schubert.

(Foto: dpa)

Ein Lerntempo für alle Kinder? Unsinn, findet Maike Schubert, Leiterin einer preisgekrönten Gemeinschaftschule. Und sie hat noch ein paar andere Ideen.

Interview von Matthias Kohlmaier

Daten der letzten Pisa-Studie zeigen, dass sozial benachteiligte Schüler in Deutschland inzwischen bessere Leistungen erzielen als 2006. Was aber können Schulen und Lehrkräfte für solche Kinder tun? Mit diesem Problem ist Maike Schubert täglich konfrontiert. Sie leitet die 2016 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Freiherr-vom-Stein-Gemeinschaftsschule in Neumünster.

SZ: Frau Schubert, wie muss Unterricht sein, damit insbesondere die bei Pisa 2015 untersuchten Kinder mit weniger guten Voraussetzungen nicht zurückbleiben?

Maike Schubert: Er sollte auf die immer heterogener werdende Schülerschaft eingehen. Dafür müssen wir wegkommen von der Konkurrenzorientierung. Und dafür sorgen, dass jedes Kind auf seinem individuellen Lernweg die maximal möglichen Ziele erreicht. Jedes Kind bringt andere Voraussetzungen mit, darauf müssen Lehrkräfte sich einstellen.

Nicht einfach, wenn ein Lehrer allein 30 Schüler individuell fördern soll.

Absolut, deswegen ist ein Lehrer pro Klasse auch zu wenig. Für uns sind Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern hauptsächlich Lernbegleiter. Diese müssen auch Zeit für Beziehungsarbeit haben - gerade mit sozial benachteiligten Schülern. Wir haben doch alle in der Schule am meisten von den Lehrern gelernt, die wir auch mochten. Damit das klappt, muss man Zeit in die Lehrer-Schüler-Beziehung investieren.

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Wie sieht das konkret aus?

An unserer Schule machen wir Team-Teaching: Wir legen so oft wie möglich Klassen zusammen. Wenn zum Beispiel in offenen Lernphasen drei Klassen zusammen arbeiten, sind gleich mal fünf oder sechs Lehrkräfte zeitgleich im Einsatz. Für die Kinder ist das super, weil sie zwar selbstständig arbeiten können, aber ständig ein Ansprechpartner da ist, wenn es mal hakt.

Also Schluss mit dem Frontalunterricht?

Ja. Die Neurowissenschaften haben längst gezeigt, dass Frontalunterricht gerade für leistungsschwache Kinder sinnlos ist. Wie soll ich auch jemanden, der ohnehin nur geringes Vorwissen mitbringt, in einem für alle gleichschnell voranschreitenden Unterricht fördern? Wenn der Schüler nicht schneller kann, komme ich auch mit Druck nicht weiter. Da braucht es individuelle Lösungen und Lernpläne.

Ihre Schule hat 2016 den Deutschen Schulpreis bekommen. Was läuft an der Freiherr-vom-Stein-Gemeinschaftsschule besser als anderswo?

Wir haben den Unterricht so umstrukturiert, dass jedes Kind in seiner eigenen Geschwindigkeit an seinen eigenen Baustellen arbeiten kann. Die Stärkeren können Gas geben, die Schwächeren brauchen eben etwas länger. Außerdem haben wir die Leistungsmessung umgestellt und Noten, soweit möglich, abgeschafft. Stattdessen bekommen die Schüler ausführlich Rückmeldung zu ihrer Entwicklung und klären mit dem Lehrer, woran sie noch arbeiten sollten. Erst in der achten Klasse gibt es dann Noten, dazu sind wir gesetzlich verpflichtet.

Wie motivieren Sie die Schüler, wenn nicht über gute Noten?

Wir definieren Schule nicht so, dass es nur um kognitive Leistung in den Fächern geht, sondern versuchen, den Kindern auch anderswo Erfolge zu ermöglichen. Gerade den Schwächeren bringt es wahnsinnig viel, wenn sie auf dem Fußballplatz oder in der Werkstatt zeigen dürfen, dass sie etwas toll können. So eine gute Leistung außerhalb des Klassenzimmers steigert die Motivation für die nächste Mathestunde ungemein.

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