Lehrermangel Erdkunde bei Mama

In den neuen Bundesländern mangelt es massiv an Lehrkräften.

(Foto: dpa)
  • An vielen Schulen Deutschlands fehlen zu Beginn des neues Schuljahres Lehrkräfte.
  • Das führt so weit, dass an einer Dresdner Grundschule derzeit sogar Eltern einspringen müssen.
  • Besonders die neuen Bundesländer haben bei der Lehrerversorgung strukturelle Probleme.
Von Cornelius Pollmer

Die 90. Grundschule im Dresdner Süden hat es dieser Tage zu einiger Bekanntheit gebracht, Direktor Jörg Zanger hätte darauf allerdings gern verzichtet. Weil fünf Lehrkräfte fehlen, übernimmt Zanger seit einer Weile nach Möglichkeit selbst Unterricht, etwa in Mathe, Deutsch und Sport. Weil das manchmal immer noch nicht reicht, stellten sich Ende vergangener Woche an zwei Tagen zwei Mütter kurzerhand vor eine Klasse und unterrichteten. "Ich bin froh, dass sich die Eltern engagieren", sagte Zanger der Sächsischen Zeitung. Erlaubt sei das eigentlich nicht, sagte eine Sprecherin der Sächsischen Bildungsagentur. Und das klang so, als gehe die Notversorgung uneigentlich selbst aus Sicht der Behörde irgendwie klar.

Eltern, die gegen alle Regeln als Lehrer einspringen, das ist die neueste Spezialausprägung einer Not, die fast alle Bundesländer zu Beginn dieses Schuljahres arg beschäftigt. In Berlin will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dem Lehrermangel mit einem verstärkten Werben um Pensionäre begegnen, in Bayern setzt das Kultusministerium Frühpensionierungen aus, in Niedersachsen wurden Gymnasiallehrer an Grundschulen abgeordnet. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Freistaat Sachsen, der über Jahre damit positiv aufgefallen war, in den Pisa-Vergleichsstudien und sonstigen Bildungsmonitoren vordere Plätze zu belegen.

"Wir steuern in einen pädagogischen Notstand"

Wenn die Schüler aus den Ferien kommen, warten statt Lehrern vielerorts Pensionäre und Quereinsteiger auf sie. Denn die Politik fürchtet ein Überangebot. Von Paul Munzinger mehr ...

In Sachsen wird gerade ein Effekt wirksam, der strukturell alle Bundesländer des Ostens betrifft: Wegen deutlicher Geburtenrückgänge wurde die Lehrerausbildung in den Neunzigern zurückgefahren - nun, da die Schülerzahlen wieder steigen, kann die gegenwärtige Pensionierungswelle nicht durch planvoll ausgebildete junge Kollegen hinreichend ausgeglichen werden.

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU), die die Versäumnisse ihrer Partei in den vergangenen Jahren nun schnell bewältigen soll, entschuldigte sich zu Beginn des Schuljahres gleich mal prophylaktisch für den Notstand. Von 1400 freien Lehrerstellen konnte mehr als die Hälfte nur mit Seiteneinsteigern besetzt werden, die nun blitzausgebildet werden. In einigen Gegenden machen die Neulinge gar drei Viertel der neuen Lehrer an Grundschulen aus.

Schwierigstes Schuljahr seit 1990

Zwar hat Sachsen die Zahl der Studienplätze für Lehramtsanwärter inzwischen auf 2000 verdoppelt, bis diese Maßnahme aber an den Schulen wirksam wird, werden Jahre vergehen. In der kurzen Frist hingegen gilt, dass dem Freistaat laut Kurth das schwierigste Schuljahr seit 1990 bevorstehe. Wie groß die Not auch wegen der Konkurrenz unter den Bundesländern ist, lässt sich an den Kriterien ablesen, die das Kultusministerium für sein "Programm Unterrichtsversorgung" zusammengestellt hat. Damit sollen akute Notlagen wie jene an der eingangs genannten Grundschule in Dresden abgemildert werden. Gesucht werden dafür nun auch Bewerber "ohne Lehrbefähigung mit einem anderen geeigneten Hochschulabschluss".

Lehrermangelwirtschaft und die Fahndung nach neuen Kräften erinnern manchen indes an jene DDR-Zeiten, die im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig mit einem Plakat gut dokumentiert sind. Darauf steht: "Auch Du kannst Lehrer werden - Werktätige, meldet Euch".