Migrationsproblematik in der Schule Wir brauchen Lehrer, die Anderssein verstehen

Lehrerin Hava Kolbasi unterrichtet an der Katharina-Henoth-Gesamtschule in Köln türkischstämmige Schüler in ihrer Muttersprache. (Archivbild) An deutschen Schulen gibt zu wenige Pädagogen mit ausländischen Wurzeln.

(Foto: dpa)

Ein Drittel aller Schüler in Deutschland hat inzwischen ausländische Wurzeln und muss ein Leben voller Widersprüche meistern. Damit das gelingt, sollten auch die Lehrerzimmer multikulturell werden.

Von Johann Osel und Vera Schroeder

Da ist zum Beispiel dieser Junge, acht Jahre alt, nennen wir ihn Alexander. Alexander besucht die dritte Klasse einer Grundschule in München. Am Vortag hat er seine Lehrerin "Nutte" genannt. "Fick dich, du Nutte", hat er gesagt, mitten im Unterricht, vor all den anderen Kindern. Die Lehrerin, 28 Jahre alt, aus Passau, hat Alexander, Einserschüler aus München, seinen dritten Verweis des Halbjahres erteilt. Und sie hat den in Russland geborenen Vater, der seit elf Jahren in Deutschland lebt, in die Sprechstunde geladen.

Doch der Vater lässt ausrichten, dass er nur komme, wenn Alexander auch mit dabei sein dürfe. Sonst nicht. "Alexander muss sich doch verteidigen können", sagt der Vater, der es allmählich anstrengend findet, dass er andauernd wegen solcher Kleinigkeiten in der Schule antanzen muss. "Nix verteidigen! Die Eltern müssen ihm klarmachen, dass so was nicht geht!", sagt die Lehrerin, die im Vorjahr noch Referendarin war. Alexander sagt: "Ich will ja ruhiger werden. Aber ich will auch, dass mein Vater sieht, dass ich mich verteidigen kann." Es ist nicht das erste Mal, dass er sich zwischen den Regeln der Lehrerin und der Erwartung des Vaters an einen selbstbewussten Sohn positionieren muss.

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Kulturelle Vermittler gesucht

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Fragt man Sanem Kleff, weshalb es in Deutschland so wenige migrantische Lehrer gibt, grübelt sie nicht lange. Erstens, zweitens, drittens, sagt sie, offenbar sagt sie es oft. Kleff ist, wie sie es ausdrückt, "eines der ersten Exemplare". In Ankara geboren, in Hamburg aufgewachsen, hat sie in der Türkei Lehramt studiert und später an einer Berliner Schule gearbeitet. Heute ist sie Leiterin von "Schule ohne Rassismus". Das Projekt wurde in den Neunzigern gegründet, nachdem in Solingen und Mölln Molotowcocktails auf Asylantenheime geflogen waren. Auch das ist nicht unbedeutend in Kleffs Liste der Gründe, weshalb Zuwandererkinder selten Lehramt studieren. Abgesehen davon, dass ihr Anteil an den Abiturienten geringer ist, siehe Pisa.

"Wir haben das Jahr 2014!"

Also, die Liste. Erstens: Reale Vorbilder fehlen. Die migrantischen Eltern jetziger Schüler und Abiturienten, die auf ihre Kinder bei der Berufswahl viel Einfluss nehmen, haben selbst keine Lehrer mit Zuwanderergeschichte erlebt. Oder eher schlechte Pädagogen wie Konsularlehrer, die der türkische Staat für muttersprachlichen Zusatzunterricht entsendet. Der Ruf des Berufs "Lehrer" deshalb, zum Beispiel unter Türken: schlecht.

Zweitens: In vielen Familien gibt es selbst in der dritten Generation noch immer den Gedanken, nur Gast zu sein, "das hat fast jeder im Kopf." Auch ohne NSU-Morde oder Mölln. Lehramt und Jura werden da als "Sackgasse" empfunden, Ingenieur und Arzt nicht, denn das geht überall. Drittens:

Lehramt ist auf Sprache fixiert. "Jemand ohne Muttersprache Deutsch hat ein Manko, sein Leben lang, vor allem in der Schriftsprache."

Was also tun? Dass wir mehr Lehrer mit Migrationshintergrund brauchen, darin ist man sich schulpolitisch weitgehend einig. Viel schwieriger ist es, diese Leute auch zu bekommen. Kleff wünscht sich eine Großkampagne für mehr Vielfalt in der ganzen Gesellschaft; zudem "mehr Mentorenprogramme für Studenten".

Zuletzt hat sich tatsächlich einiges getan: Stiftungen vergeben Stipendien oder veranstalten quer durchs Land Schülercampusse, um migrantische Jugendliche aus der Oberstufe für den Job zu begeistern. In vielen Bundesländern gibt es Netzwerke, Lehrer mit ausländischen Wurzeln werben um Nachwuchs, in Hamburg werden entsprechende Referendariate reserviert. Sanem Kleff fordert dennoch mehr Wucht für das Thema, am besten durch eine bundesweite Initiative. Auch eine Quote kann sie sich vorstellen: "Wir haben das Jahr 2014. Genug herumprobiert."

Eine Quote? Vor ein paar Jahren sagte die damalige Integrationsbeauftragte im Kanzleramt, Maria Böhmer von der CDU, sie wünsche sich mehr Migranten im Staatsdienst. Jeder fünfte Bürger habe fremde Wurzeln, das müsse sich in Amtsstuben und Lehrerzimmern zeigen. Medien interpretierten den Satz so: Böhmer will 20 Prozent Migrantenquote für Lehrer. Sogleich ruderte sie zurück, so konkret sei das nicht gemeint gewesen. Da war die Nachricht aber schon in der Welt, mitsamt der Debatte.

Und welche Quote bitte kommt als Nächstes?

Höhnisch auf der einen Seite: Ausgerechnet die CDU wisse sich nur noch mit einer Quote zu helfen, sie habe doch jahrzehntelang abgestritten, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Und welche Quote bitte kommt als Nächstes? Wohlwollend auf der anderen Seite: Endlich, es bewegt sich was!

Gegen eine Quote spricht wie immer die Frage, ob eine gerechte Auswahl jenseits des Leistungsprinzips überhaupt möglich ist. Und natürlich die Frage, was genau das denn heißt: Migrationshintergrund. Einwandererkinder der ersten bis zweiten Generation? Oder reicht auch ein Urgroßvater aus Österreich?

Die gefühlte Definition dessen, was fehlt, bleibt einfach: Wir brauchen Lehrer, die mit vielseitigem Verständnis auf Schüler und Eltern zugehen, die sich mit deutscher Schulkultur schwertun. Die verstehen, dass es bei manchem Schüler zu Hause wichtiger ist, dass sich der Älteste um die kleinen Geschwister kümmert, als dass er pünktlich zum Unterricht erscheint. Und die diesen Familien deutsche Regeln trotzdem näherbringen können.