Süddeutsche Zeitung

Migrationsproblematik in der Schule:Wir brauchen Lehrer, die Anderssein verstehen

Ein Drittel aller Schüler in Deutschland hat inzwischen ausländische Wurzeln und muss ein Leben voller Widersprüche meistern. Damit das gelingt, sollten auch die Lehrerzimmer multikulturell werden.

Da ist zum Beispiel dieser Junge, acht Jahre alt, nennen wir ihn Alexander. Alexander besucht die dritte Klasse einer Grundschule in München. Am Vortag hat er seine Lehrerin "Nutte" genannt. "Fick dich, du Nutte", hat er gesagt, mitten im Unterricht, vor all den anderen Kindern. Die Lehrerin, 28 Jahre alt, aus Passau, hat Alexander, Einserschüler aus München, seinen dritten Verweis des Halbjahres erteilt. Und sie hat den in Russland geborenen Vater, der seit elf Jahren in Deutschland lebt, in die Sprechstunde geladen.

Doch der Vater lässt ausrichten, dass er nur komme, wenn Alexander auch mit dabei sein dürfe. Sonst nicht. "Alexander muss sich doch verteidigen können", sagt der Vater, der es allmählich anstrengend findet, dass er andauernd wegen solcher Kleinigkeiten in der Schule antanzen muss. "Nix verteidigen! Die Eltern müssen ihm klarmachen, dass so was nicht geht!", sagt die Lehrerin, die im Vorjahr noch Referendarin war. Alexander sagt: "Ich will ja ruhiger werden. Aber ich will auch, dass mein Vater sieht, dass ich mich verteidigen kann." Es ist nicht das erste Mal, dass er sich zwischen den Regeln der Lehrerin und der Erwartung des Vaters an einen selbstbewussten Sohn positionieren muss.

Etwa 2,5 Millionen Kinder mit Migrationshintergrund besuchen derzeit deutsche Schulen, das sind mehr als 30 Prozent aller Schüler. Der aktuelle Anteil an Lehrkräften mit Zuwandererwurzeln deutschlandweit: ein bis sechs Prozent.

Kulturelle Vermittler gesucht

Die soziale Kluft geht in Deutschland bereits in der Schule auf und schließt sich dann nie wieder. Eine Kluft, durch die überproportional viele Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund abgehängt werden. Auf der Suche nach Lösungen stellt sich die Frage: Bräuchten wir nicht viel mehr Lehrer mit Migrationshintergrund? Übersetzungshelfer, ganz jenseits der Sprache? Kulturelle Vermittler, die verhindern, dass bei der nächsten Pisa-Studie wieder 15-Jährige mit Migrationshintergrund mit ihren Leistungen bis zu zwei Schuljahre hinter den deutschen Kindern liegen?

Fragt man Sanem Kleff, weshalb es in Deutschland so wenige migrantische Lehrer gibt, grübelt sie nicht lange. Erstens, zweitens, drittens, sagt sie, offenbar sagt sie es oft. Kleff ist, wie sie es ausdrückt, "eines der ersten Exemplare". In Ankara geboren, in Hamburg aufgewachsen, hat sie in der Türkei Lehramt studiert und später an einer Berliner Schule gearbeitet. Heute ist sie Leiterin von "Schule ohne Rassismus". Das Projekt wurde in den Neunzigern gegründet, nachdem in Solingen und Mölln Molotowcocktails auf Asylantenheime geflogen waren. Auch das ist nicht unbedeutend in Kleffs Liste der Gründe, weshalb Zuwandererkinder selten Lehramt studieren. Abgesehen davon, dass ihr Anteil an den Abiturienten geringer ist, siehe Pisa.

"Wir haben das Jahr 2014!"

Also, die Liste. Erstens: Reale Vorbilder fehlen. Die migrantischen Eltern jetziger Schüler und Abiturienten, die auf ihre Kinder bei der Berufswahl viel Einfluss nehmen, haben selbst keine Lehrer mit Zuwanderergeschichte erlebt. Oder eher schlechte Pädagogen wie Konsularlehrer, die der türkische Staat für muttersprachlichen Zusatzunterricht entsendet. Der Ruf des Berufs "Lehrer" deshalb, zum Beispiel unter Türken: schlecht.

Zweitens: In vielen Familien gibt es selbst in der dritten Generation noch immer den Gedanken, nur Gast zu sein, "das hat fast jeder im Kopf." Auch ohne NSU-Morde oder Mölln. Lehramt und Jura werden da als "Sackgasse" empfunden, Ingenieur und Arzt nicht, denn das geht überall. Drittens:

Lehramt ist auf Sprache fixiert. "Jemand ohne Muttersprache Deutsch hat ein Manko, sein Leben lang, vor allem in der Schriftsprache."

Was also tun? Dass wir mehr Lehrer mit Migrationshintergrund brauchen, darin ist man sich schulpolitisch weitgehend einig. Viel schwieriger ist es, diese Leute auch zu bekommen. Kleff wünscht sich eine Großkampagne für mehr Vielfalt in der ganzen Gesellschaft; zudem "mehr Mentorenprogramme für Studenten".

Zuletzt hat sich tatsächlich einiges getan: Stiftungen vergeben Stipendien oder veranstalten quer durchs Land Schülercampusse, um migrantische Jugendliche aus der Oberstufe für den Job zu begeistern. In vielen Bundesländern gibt es Netzwerke, Lehrer mit ausländischen Wurzeln werben um Nachwuchs, in Hamburg werden entsprechende Referendariate reserviert. Sanem Kleff fordert dennoch mehr Wucht für das Thema, am besten durch eine bundesweite Initiative. Auch eine Quote kann sie sich vorstellen: "Wir haben das Jahr 2014. Genug herumprobiert."

Eine Quote? Vor ein paar Jahren sagte die damalige Integrationsbeauftragte im Kanzleramt, Maria Böhmer von der CDU, sie wünsche sich mehr Migranten im Staatsdienst. Jeder fünfte Bürger habe fremde Wurzeln, das müsse sich in Amtsstuben und Lehrerzimmern zeigen. Medien interpretierten den Satz so: Böhmer will 20 Prozent Migrantenquote für Lehrer. Sogleich ruderte sie zurück, so konkret sei das nicht gemeint gewesen. Da war die Nachricht aber schon in der Welt, mitsamt der Debatte.

Und welche Quote bitte kommt als Nächstes?

Höhnisch auf der einen Seite: Ausgerechnet die CDU wisse sich nur noch mit einer Quote zu helfen, sie habe doch jahrzehntelang abgestritten, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Und welche Quote bitte kommt als Nächstes? Wohlwollend auf der anderen Seite: Endlich, es bewegt sich was!

Gegen eine Quote spricht wie immer die Frage, ob eine gerechte Auswahl jenseits des Leistungsprinzips überhaupt möglich ist. Und natürlich die Frage, was genau das denn heißt: Migrationshintergrund. Einwandererkinder der ersten bis zweiten Generation? Oder reicht auch ein Urgroßvater aus Österreich?

Die gefühlte Definition dessen, was fehlt, bleibt einfach: Wir brauchen Lehrer, die mit vielseitigem Verständnis auf Schüler und Eltern zugehen, die sich mit deutscher Schulkultur schwertun. Die verstehen, dass es bei manchem Schüler zu Hause wichtiger ist, dass sich der Älteste um die kleinen Geschwister kümmert, als dass er pünktlich zum Unterricht erscheint. Und die diesen Familien deutsche Regeln trotzdem näherbringen können.

Einer, der versteht

Oder, wie es ein Schüler im erfolgreichsten deutschen Kinofilm 2013 "Fack ju Göhte" formuliert, in dem der Möchtegern-Lehrer Zeki Müller die Herzen seiner Schüler erobert: Es braucht einen, "der uns versteht".

Die Münchner Grundschule der jungen Lehrerin aus Passau besuchen 24 Schüler. Neben Alexander und sechs anderen Kindern aus russischstämmigen Familien gibt es sechs Kinder mit türkischen Wurzeln, ein Mädchen, dessen alleinerziehende Mutter aus Nigeria stammt, neun Kinder aus deutschen Familien und einen Jungen aus Italien. Ein großer Teil der russischen Kinder geht nach Schule und Hort noch mehrmals in der Woche zum Judo, ins Basketball oder ins Ballett und kommt daher oft erst gegen 21 Uhr dazu, sich über die Hausaufgaben zu beugen.

Ganz im Gegensatz zu Alexanders Sitznachbarn Kemal, 9, der türkischer Herkunft ist und dem jede Tendenz zu ehrgeiziger Überförderung fremd zu sein scheint. Abends hocke der Junge, der in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt, mit seinen Brüdern am liebsten auf dem Spielplatz, "Ratten gucken". In der Dämmerung fressen sich die Nager durch Windeln und Kekspackungen der Großstadtfamilien. In der Schule ist Kemal immer recht müde, sagt die Lehrerin. Doch die Eltern verstünden nicht, was sie ändern sollen.

"Es ist auch toll. Nur halt anstrengend"

"Das klingt jetzt alles so schrecklich, so geballt erzählt", sagt die Lehrerin, "Aber das ist es gar nicht. Es ist auch toll. Nur halt anstrengend. Und wahnsinnig viel. Und manchmal weiß ich nicht mehr, wofür ich mir als Nächstes Zeit nehmen soll."

Natürlich ist es nicht sicher, dass sich der russische Familienvater mit einer muslimischen Lehrerin aus Kairo auf Anhieb besser verstünde als mit der Lehrerin aus Passau. Genauso wenig, wie man behaupten kann, dass deutsche Lehrer grundsätzlich weniger Verständnis hätten. Aber wahrscheinlich setzt eine Lehrerin mit eigener migrantischer Biografie ihre knappe Zeit in einer gemischten Klasse anders ein.

Es geht um intuitive Sensibilität dafür, dass man das, was in Deutschland für selbstverständlich gehalten wird, auch vollkommen anders sehen kann. Es geht um das Gefühl der Fremdheit und des Andersseins in Deutschland. Und um die geteilte Erfahrung, irgendwann mal hier neu angekommen und trotz all der Jahre vielleicht immer noch nicht richtig da zu sein.

"Wir sind noch lange nicht so weit, dass sich Vielfalt im Klassenzimmer als Vielfalt im Lehrerzimmer spiegelt. Aber genau da müssen wir hin", sagt auch Sylvia Löhrmann, Schulministerin von Nordrhein-Westfalen. In diesen Tagen reist die Grünen-Politikerin durch ihr Land, die Ferien sind zu Ende: eine Gesamtschule in Wanne-Eickel, eine Grundschule in Morsbach, eine Sekundarschule in Höxter und so weiter. "Das Bewusstsein in Deutschland ist überall gewachsen", sagt Löhrmann, die auch Chefin der Konferenz der Kultusminister ist. Mehr Zentralismus helfe aber nicht. "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem."

Einer, der bei der Umsetzung helfen könnte, ist sicherlich Mamadou Heimroth, 20, aus Offenbach. Heimroth kam als Junge mit sechs Jahren aus der Elfenbeinküste nach Deutschland. Vor ein paar Wochen besuchte er den Schülercampus der Zeit-Stiftung, machte ein Speed-Dating mit Studenten an der Frankfurter Uni, hospitierte einen Tag an Schulen. Nach dem Abitur will er jetzt unbedingt Lehrer werden. Seine Geschichte ist eine Kämpfergeschichte.

"Ich habe Chancen bekommen, allein schon die, nach Deutschland zu kommen. Aber ich habe mich auch angestrengt", sagt er. Von unten nach oben ging es für ihn durchs Schulsystem, im nächsten Jahr nun Abitur. Er hat gute und schlechte Erfahrungen mit Lehrern gemacht, hat Förderer gehabt und Situationen, "da dachte ich, alle sind gegen mich". Sein Vater habe ihm gesagt: Dann mach es später besser!

Mit der Rolle als Vorzeigemigrant im Lehrbetrieb tut Heimroth sich dennoch schwer. Er will später in der Schule nicht "der große schwarze Mann sein". Sondern "der Herr Heimroth - der tollen Unterricht macht und den Unmotivierten hilft". Über eine mögliche Migrantenquote will er jedenfalls nicht in die Schule kommen: "Das wäre ja so, als ob ich keine eigene Leistung erbracht hätte."

"Wer ist jetzt eigentlich größer, der Gott oder der Mohammed?"

Auch die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Carolin Rotter warnt vor zu hohen Erwartungen an eine mögliche Quote. Ihre Befragungen von Neuntklässlern aus Zuwandererfamilien zeigen, dass die Herkunft eines Lehrers überschätzt sein könnte. Viel wichtiger, zumindest für Jugendliche, ist laut der Studie Kompetenz im Fach, Fairness und Motivationskunst.

Im Ethikunterricht der Münchner Grundschule sitzen alle Kinder im Kreis auf dem Boden. Gerade geht es ums Christentum, in ein paar Wochen dann um den Islam, dann Buddhismus. Die Lehrerin erzählt die Geschichte, wie Gott Moses die Zehn Gebote auf einer Steintafel übergibt. "Welches Gebot findet ihr wichtig, an das sich alle Menschen halten sollen?", fragt die Lehrerin. Ein Steinchen geht im Kreis herum, jedes Kind, das den Stein in der Hand hält, antwortet.

"Kein Krieg", "nicht morden", "alle nett sein". Dann landet der Stein bei Kemal, der wieder mal nicht richtig zugehört hat. Er merkt, dass er irgendetwas sagen soll, er haspelt: "Äh, also, ich hätte da mal eine Frage zur Religion: Wer ist jetzt eigentlich größer, der Gott oder der Mohammed?" Eine unpassende Frage. Eine Steilvorlage, um über die größten Themen der Zeit zu diskutieren. Doch die Lehrerin hetzt weiter, sie möchte jetzt über die Zehn Gebote sprechen. Laut Lehrplan ist der Islam erst in ein paar Wochen dran.

Nein, es ist nicht garantiert, dass ein Kollege mit Migrationshintergrund diese Vorlage anders genutzt hätte. Aber es könnte schon sein.

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Quelle:
SZ vom 13.09.2014/jobr
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