Lehrer-Blog zum Probeunterricht "Reiß' dich zam!"

Wenn Eltern ihre Kinder überfordern, um eigene Ambitionen durchzusetzen, fehlt Catrin Kurtz jegliches Verständnis.

(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

Probeunterricht? Unverantwortlicher Prüfungswahnsinn trifft es oft besser, findet Lehrerin Catrin Kurtz. Sie kann nur den Kopf schütteln über Eltern, die ihre Kinder an den Rand der Überforderung treiben. Nur damit es noch für den Sprung auf die Realschule reicht.

Dienstagmorgen, acht Uhr, zu Herzen gehende Szenen spielen sich bei uns vor der Schule ab: Die neuen Fünftklässler werden von ihren Eltern abgeliefert, es gibt Tränen bei der Verabschiedung. Moment mal, werden Sie jetzt sagen, das neue Schuljahr hat doch noch gar nicht angefangen? Tja, aber der Wahnsinn, der sich Probeunterricht nennt, ist schon in vollem Gange.

Zur Erklärung für alle Nicht-Bayern: Viertklässler, die im Übertrittszeugnis - quasi das Empfehlungszeugnis für eine weiterführende Schule - einen schlechteren Notenschnitt als 2,66 haben, müssten eigentlich auf die Mittelschule (Nachfolger der Hauptschule in Bayern, Anm. d. Red.) gehen. Wollen Eltern und Kinder (vermutlich in dieser Reihenfolge) das nicht, können die Viertklässler den Probeunterricht in der Realschule besuchen. Wobei das Wort "Unterricht" hier irreführend ist, eigentlich müsste es heißen: Prüfungsmarathon.

Die meisten Eltern schreckt das allerdings nicht: Sie scheinen der Überzeugung, dass ihr Kind natürlich bestens geeignet ist für die Realschule, allein die böse Grundschullehrerin war zu ignorant, das zu erkennen. Um das zu beweisen, besorgen sie sich alte Prüfungsaufgaben aus dem Probeunterricht der vergangenen Jahre. Die muss das Kind so oft lösen, bis es sie auswendig kann; auch horrende Nachhilfekosten werden nicht gescheut. Und am Tag der Tage wird dem Kind bei der Verabschiedung dann noch ein ermutigendes "Melde dich auch ja immer. Und reiß' dich zam, du musst das schaffen!" mit auf den Weg gegeben.

Louis kann das nicht, der ist hochbegabt

Schreibt der Schüler schlechte Noten, weil er im Unterricht unterfordert ist? Oder ist er einfach nur stinkfaul? Catrin Kurtz ist in dieser Frage oft anderer Meinung als die Eltern. mehr ... Lehrer-Blog

Was wäre so schlimm an der Mittelschule?

Spätestens an dieser Stelle fehlt mir jegliches Verständnis und ich frage mich: Warum? Was wäre denn so schlimm daran, wenn das Kind auf die Mittelschule ginge? Auch dort gibt es schließlich mittlerweile die Möglichkeit, über den M-Zweig die Mittlere Reife zu machen.

Warum begreifen viele Eltern nicht, dass so eine Empfehlung im Übertrittszeugnis bedeutet, dass ihr Kind noch nicht bereit ist für die Realschule? Aber vielleicht nach einem Jahr Mittelschule, das es einfach noch braucht für die schulische und vor allem persönliche Entwicklung. Warum dürfen Kinder in der Schule nicht mal etwas länger brauchen oder Umwege gehen? Schließlich führen verschiedene Wege zum begehrten Abschluss.

Der Vollständigkeit und Fairness halber sei gesagt, dass es auch Fälle geben mag, in denen die Durchschnittsnote 2,66 dem aktuellen Potenzial eines Viertklässlers tatsächlich nicht gerecht wird. Aber viele Eltern bringen ihre Kinder schlicht an den Rand ihres Leistungsvermögens. Eine verdichtete Chronologie des Wahnsinns Probeunterricht.

8:10 - 8:30 Uhr: Unterrichtsgespräch Deutsch. Die Kinder bekommen Fragen gestellt; ich bin "beisitzende Lehrkraft", führe Protokoll. "Lisa, kannst du uns sagen, welche Wortarten es gibt?" Die Zehnjährige antwortet - mit einer Gegenfrage: "Darf ich aufs Klo?" Sie ist sichtlich überfordert, vielleicht mehr mit der Situation als inhaltlich. Mit blassem Gesicht verlässt sie das Klassenzimmer.

8:30 - 9 Uhr: Deutschtest schriftlich. Manuel malt Panzer auf das Blatt, anstatt die Fragen zu beantworten. Es folgen Sprechblasen mit den Worten "Schule ist scheiße, ich bringe alle um". Ich notiere: "Schulleiterin informieren -> Gespräch mit den Eltern suchen!!!"

9 - 9:15 Uhr: Pause. Nicht immer ist der Hilfeschrei so eindeutig zu hören. Die meisten Kinder sitzen in den 15 Minuten bis zur nächsten Prüfungsrunde einfach nur still auf den Bänken im Pausenhof. Samuel würgt sein Brot hinunter; Gespräche untereinander oder mit den Lehrern finden kaum statt. Vielleicht ist ja der elterliche Appell schuld, den ich am Morgen aufgeschnappt habe: "Benimm dich gut!"

9:15 - 10 Uhr: Deutschtest schriftlich, die Kinder sollen einen Aufsatz schreiben. Es kullern Tränen.

10 - 10:15 Uhr: Pause. Immerhin, zwei Jungen spielen jetzt ein bisschen Fußball.

10:15 - 10:35 Uhr: Unterrichtsgespräch Mathematik. Bei jeder Frage gehen die Finger hoch, egal, ob die Kinder etwas wissen oder nicht, bei manch einem scheitert es schon am großen Einmaleins. Aufregung oder Nicht-Können? Ich kann das nicht beurteilen, muss aber auf Anweisung von oben jede falsche Antwort und jede Auffälligkeit akribisch notieren. Das Protokoll dient nachher auch als Versicherung, wenn erboste Eltern sich aufregen, das könne doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, dass die Tochter/der Sohn den Probeunterricht nicht bestanden hat.

10:35 - 11:20 Uhr: Mathematik schriftlich. Der letzte Teil des ersten Prüfungstages neigt sich dem Ende zu, morgen geht es ähnlich straff weiter. Die Kinder haben genug, man merkt, dass sie wirklich müde sind. Wiederum Tränen, als sie von den Eltern abgeholt werden: "Mama, ich hab' in Mathe gar nix mehr gewusst." - "Macht nix", sagt die Mama, "wir üben einfach noch mehr für morgen, deine Nachhilfelehrerin kommt auch gleich."

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