Grundschule Fast 20 Prozent der Viertklässler haben Probleme beim Lesen

Unter den Viertklässlern in Deutschland geht die Leistungsschere deutlich auseinander.

(Foto: imago/Westend61)
  • Bei der aktuellen Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) liegen Deutschlands Viertklässler im Mittelfeld.
  • Ihre Leistungen haben sich seit der Vorgängerstudie 2011 kaum verändert.
  • Allerdings gibt es mehr sehr leistungsschwache Schüler, die laut Studie vermutlich Probleme in ihrer weiteren Schulkarriere bekommen werden.

Die Leistungen von Deutschlands Viertklässlern in den Bereichen Lesekompetenz und Leseverständnis haben sich seit 2011 kaum verändert. Das ergab die aktuelle Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu). Die Erhebung zeigt jedoch auch: Es gibt mehr sehr leistungsstarke sowie mehr sehr leistungsschwache Schüler - und fast jeder fünfte Viertklässler erreicht im Lesen kein ausreichendes Leistungsniveau.

Insgesamt bestätigt Iglu in vierlei Hinsicht den kürzlich erschienenen IQB-Bildungstrend. Auch dort hatten sich die Leseleistungen der Grundschüler im Vergleich zur Vorgängerstudie kaum verändert. Trotzdem kann die seit 2001 zum vierten Mal durchgeführte Iglu einige spannende Trends aufzeigen.

Die wichtigsten Ergebnisse von Iglu 2016:

Seit 2001 (539 Punkte) haben sich die Leistungen der deutschen Grundschüler im Lesen nicht signifikant verändert. Nach einem deutlichen Leistungssprung beim Test im Jahr 2006 (548) kehrten die Ergebnisse wieder auf das Niveau der Jahrtausendwende zurück (2011: 541; 2016: 537).

International steht Deutschland allerdings etwas schlechter da. Hatten 2001 noch nur vier Teilnehmerstaaten sowie ein Benchmark-Teilnehmer (Regionen, die gesondert ausgewiesen werden; in diesem Fall Ontario/Kanada) signifikant höhere Leistungsmittelwerte erzielt als Deutschland, so sind es in der neuen Studie 14 Staaten und Regionen und ein Benchmark-Teilnehmer. "Vor dem Hintergrund ist Stagnation natürlich Rückschritt", sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Baden-Württembergs Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU), über das deutsche Ergebnis.

Die deutsche Schülerschaft ist heterogener geworden, zumindest was ihre Leseleistungen angeht. Zwar gibt es deutlich mehr Schüler, die das höchste Kompetenzniveau erreichen. Allerdings erreichen auch mehr Schüler als noch 2011 nicht einmal das mittlere Kompetenzniveau (15,4 vs. 18,9 Prozent). Die Forscher gehen bei diesen leistungsschwachen Kindern davon aus, dass "sie mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern in der Sekundarstufe I konfrontiert sein werden".

Ähnlich negativ entwickelt hat sich unter den restlichen Teilnehmern nur die Leistung der Schüler in Frankreich und den Niederlanden. Das Gros der sonstigen Teilnehmerstaaten hat den Prozentsatz besonders leistungsschwacher Schüler teils deutlich verringern können.

Eindrücklich zeigt Iglu 2016 leider, dass die soziale Spaltung an deutschen Grundschulen weiterhin eine große Rolle spielt. Die Wissenschaftler haben dafür den Leistungsvorsprung im Leseverständnis von Kindern aus Familien mit mehr als 100 Büchern vor denen mit maximal 100 Büchern gemessen.

Das Ergebnis: In allen Teilnehmerstaaten haben Kinder aus Familien mit mehr als 100 Büchern zu Hause einen signifikanten Leistungsvorsprung gegenüber ihren Altersgenossen mit wenig Lektüremöglichkeiten. In Deutschland liegt der Vorsprung der Kinder mit mehr Büchern im Durchschnitt sogar bei 54 Punkten - das entspricht laut Studie einem ganzen Schuljahr.

Während sie sich international etwas geschlossen hat seit der ersten Iglu, hat sich die soziale Schere in Deutschland sogar etwas weiter geöffnet. In der neuen Erhebung heißt es dazu: "Deutschland aber gehört neben der Slowakei, Slowenien und Ungarn zu den vier Staaten, in denen soziale Disparitäten seit 2001 signifikant zugenommen haben." Bildungsforscher und Mit-Studienautor Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund zeigte sich ernüchtert, da die zuständigen Bundesländer die Lage seit den Vorgängerstudien nicht verbessern konnten: "Es ist nicht genug passiert." So gebe es zwar mehr Ganztagsschulen, sie seien aber oft reine Betreuungseinrichtungen.

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Mädchen lesen weiterhin deutlich besser als Jungen. Das gilt allerdings für nahezu alle Teilnehmer der Studie, wobei der Leistungsunterschied in Deutschland mit elf Punkten noch relativ gering ist - in Finnland etwa ist er doppelt so groß. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass Mädchen beim Lesen und Verstehen literarischer Texte deutliche Vorteile gegenüber Jungen haben. Sollten die Grundschüler aber informierende Texte bearbeiten, gab es kaum mehr einen Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern.

Über die Studie

Untersucht wurde in Deutschland eine repräsentative Stichprobe von etwa 4000 Kindern der vierten Jahrgangsstufe an 200 Grund- und Förderschulen. Insgesamt nahmen weltweit 47 Staaten und Regionen sowie zehn Benchmark-Teilnehmer mit mehr als 312 500 Schülerinnen und Schülern der vierten Jahrgangsstufe teil. Darunter sind 24 Staaten Mitglieder der Europäischen Union (EU), 28 Staaten gehören der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) an.

Die verwendeten Testaufgaben berücksichtigten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beim Verstehen von Texten. Sowohl literarische Texte wie etwa Kurzgeschichten als auch informierende Texte wie zum Beispiel Lexikonartikel kamen zum Einsatz. Mit Hilfe von Fragebögen wurde auch erfasst, wie gerne und wie häufig Kinder lesen.