Gleichberechtigung im Studium Studenten, äh, Studierende

Hören hier nun Studenten oder Studierende eine Vorlesung an der Universität Leipzig?

(Foto: dpa)
  • An Universitäten tobt eine Kampf um geschlechtneutrale Bezeichnungen.
  • Der vielfach geforderte Begriff "Studierende" ist jedoch grammatikalisch alles andere als präzise.
  • Die Studentenwerke könnte ein Verpflichtung zu neuen Bezeichnungen für ihre Studentinnen und Studenten finanziell teuer zu stehen kommen.
Von Johann Osel

Wenn Rektoren die Erfolge ihrer Hochschule herunterbeten, geht es zuweilen um "Studenten-äh-äh-Studierende". Der geschlechtsneutrale Begriff, den Politik und Hochschulen seit einigen Jahren beflissen verwenden, sitzt nicht immer perfekt. Vielleicht ist es auch das Sprachzentrum im Gehirn, das gegen die neuen Gepflogenheiten rebelliert. Dabei stellen viele Uni-Gleichstellungsbeauftragte intern Leitfäden bereit. Da heißt es in einem aus Baden-Württemberg: "Die verbreitete Angewohnheit, ausschließlich das generische Maskulinum (die Mitarbeiter) zu verwenden, steht der Forderung entgegen, wonach Frauen ausdrücklich in Erscheinung treten sollen."

Die Alternativen? "Studentinnen und Studenten" - nur das gewährleiste, "dass sich alle Gemeinten tatsächlich angesprochen fühlen"; schriftlich biete sich "das von der feministischen Linguistik empfohlene Binnen-I" an - "StudentInnen". Oder eben: Partizip-Formen wie "Studierende". Eine Debatte darüber ist in Nordrhein-Westfalen entbrannt. Im neuen rot-grünen Hochschulgesetz heißen jetzt die Studentenwerke mit ihren Mensen und Wohnheimen Studierendenwerke. Und sie sollen sich umbenennen, bis 2017.

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"Derzeit sind 50 Prozent aller Dienstleistungsempfangenden weibliche Studierende", so das Ministerium überkorrekt. Das Werk Duisburg-Essen hat sich umbenannt, Münster plant es - in vielen Städten herrscht Skepsis. Der Verwaltungsrat des Studentenwerks Dortmund hat sich offen dagegen positioniert, andernorts ist man zumindest verschnupft.

Man fürchte, heißt es oft, den "Rattenschwanz" an Umstellungen. Die liberalen Hochschulgruppen sprechen genau deshalb von "einer ideologisch motivierten Geldverschwendung ohne Mehrwert". Türschilder, Briefpapier und Broschüren müssten neu beschafft werden, auch aus dem Topf der Semesterbeiträge. In Baden-Württemberg, wo es neue Namen schon 2014 gab, seien nach Schätzungen eine halbe Million Euro Kosten angefallen. Die grünen Hochschulgruppen, etwa die in Münster, halten dagegen: "Wir sind der Überzeugung, dass Sprache unsere Wahrnehmung prägt." Studierende - das sei "eine elegante Möglichkeit, geschlechtergerechte Sprache im Alltag zu etablieren". Gegenstände könnten ja peu à peu ersetzt werden - ohne beträchtliche Kosten.

Für Katz, Kater oder Miauende?

Grammatikalisch ist jedenfalls "Studierende" nicht so ganz koscher. Das Partizip Präsens beschreibt etwas, das man in einem Moment tut - und keinen Status. Studenten sind nicht immer studierend, sie haben Freizeit. Und wer da Briefmarken sammelt, zählt zu den Briefmarkensammlern, nicht zu den Briefmarkensammelnden. Jedoch: Schon das Wort Student ist ein Partizip Präsens, es stammt vom Lateinischen "studens" - "ein sich Bemühender". Also eine Debatte für die Katz? Für den Kater? Oder optimal: für Miauende?

Fest steht: Ein richtiger Student hätte sich früher kaum Studierender nennen lassen. In der alten Bundesrepublik gab es Studenten an Universitäten und Studierende an Anstalten, für die man kein Abitur brauchte: höhere Technikschulen, die Vorläufer heutiger Fachhochschulen. Der Liedermacher Hannes Wader erwähnte neulich im SZ-Magazin die Unterscheidung, er ging auf eine Werkkunstschule. Sein Trick, um in der Kneipe doch als Student durchzugehen: Brille und Baskenmütze.

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