Gespräch über Bildungsaufsteiger "Manche kappen ihre Wurzeln komplett"

Aladin El-Mafaalani ist Professor für Politikwissenschaften an der FH Münster.

Sie haben sich von ganz unten nach ganz oben hochgekämpft: Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat 40 "Extremaufsteiger" interviewt. Mit welchen Problemen studierte Arbeiterkinder noch heute zu kämpfen haben - und warum Bildungserfolg manchmal am Esstisch beginnt.

Von Johanna Bruckner

Was braucht es, damit Kinder aus armen Familien den Wunsch entwickeln, es nach oben zu schaffen? Der Soziologe und Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani hat 40 "Extremaufsteiger" gefragt, die sich aus einfachsten Verhältnissen hochgekämpft haben. "Vom Arbeiterkind zum Akademiker" heißt seine jüngst veröffentlichte Studie.

Herr Mafaalani, welche Erfolgsgeschichte hat Sie besonders beeindruckt?

Eine Aufsteigerin, mit der ich gesprochen habe, ist in einem Umfeld der Verwahrlosung aufgewachsen. In ihrer Kindheit kamen alle erdenklichen Risikofaktoren zusammen: Arbeitslosigkeit der Eltern, Drogen, Gewalt, kein Vertrauen in der Familie, kaum soziale Bindungen. Dennoch hat es diese Frau über Umwege geschafft, zu studieren und sich beruflich zu etablieren.

Den wenigsten gelingt der soziale Aufstieg. Schulische, vor allem aber akademische Bildung hat in bildungsfernen Elternhäusern ein schlechtes Image - woran liegt das?

Menschen aus bildungsfernen Milieus leben in Knappheitsverhältnissen. Sie verfügen über einen niedrigen oder gar keinen Schulabschluss, haben schlecht bezahlte Jobs, die wenig angesehen sind. Das, was fehlt - also zum Beispiel Geld und Anerkennung - wird für sie umso erstrebenswerter. Das prägt auch das Bildungsverständnis: Bildung wird nur dann als sinnvoll erachtet, wenn sie einen unmittelbaren Nutzen bringt.

Welche Art von Bildung erscheint nützlich?

In der Ausbildung zum Mechatroniker lerne ich beispielsweise, wie ein Motor funktioniert, damit ich ein Auto reparieren kann. Das ist logisch und nachvollziehbar. Das bildungsbürgerlich-akademische Ideal - Bildung als Selbstzweck - ist bildungsfernen Familien dagegen nur schwer zugänglich. Zudem werden die Zugangshürden beim Studium als sehr hoch wahrgenommen. Die Abiturnote ist entscheidend und die setzt sich aus allen möglichen Fächern zusammen - darunter wiederum solche, die als sinnlos empfunden werden. Insbesondere Sprachen und musisch-künstlerische Bereiche. Unsere Tradition humanistischer Gymnasialbildung führt zu einer unsichtbaren Diskriminierung unterer Milieus, die sich nur langsam auflöst, beispielsweise durch technische Gymnasien.

Ein Studium ist heute sehr stark auch eine Geldfrage.

Natürlich spielt die Finanzierungsfrage eine wichtige Rolle. Bei einem Studium muss ich in Vorleistung gehen, ohne heutzutage noch sicher sein zu können, dass sich meine Investition später auszahlt. Aus einer bildungsfernen Lebenswelt heraus ist es total rational, dieses Risiko nicht einzugehen. Es ist eher überraschend, wenn es jemand doch tut.

Dazu braucht es ein Schlüsselerlebnis.

Ja. Alle Aufsteiger, mit denen ich gesprochen habe, sind irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem sie gemerkt haben: Ich komme hier mit meinem Denken und Verhalten nicht weiter. Diese Enttäuschung oder Kränkung hat dann den Wunsch nach persönlicher Veränderung hervorgerufen.

Wie muss ich mir so eine Erweckungserfahrung vorstellen?

Ein Beispiel: Ein junger Mann aus einfachsten Verhältnissen hat es bereits bis an die Uni geschafft, arbeitet sogar als studentische Hilfskraft. Kognitiv ist er auf Augenhöhe mit seinen Kommilitonen. Aber bei einem Uni-Fest fällt ihm auf: Die anderen reden nicht mit vollem Mund, bei denen läuft der Wechsel von Essen und Sprechen intuitiv. Er schämt sich plötzlich für seine eigenen Tischmanieren. Das mag banal klingen, aber dieses Uni-Fest führt dazu, dass der junge Mann noch stärker an sich arbeitet - und er beginnt, sich von seinem Herkunftsmilieu zu distanzieren. Das ist ein ganz entscheidender Punkt: Denn auf der sozialen Leiter hochzuklettern, bedeutet immer auch, sich von vielem, was einem in der Kindheit und Jugend lieb und teuer war, verabschieden zu müssen.