Frankreich streitet über Sommerferien Sechs Wochen Ferien? Quel scandale!

"C'est la rentrée", schreibt ein Mädchen auf die Tafel. Es ist Schulanfang. Geht es nach Frankreichs Bildungsminister könnte der künftig früher beginnen - Vincent Peillon will die Sommerferien verkürzen.

(Foto: AFP)

Die Sommerferien sind für französische Familien die Zeit des wahren Lebens. Doch nun will der Bildungsminister die Auszeit von acht auf sechs Wochen verkürzen. La Grande Nation ist empört über den Kürzurlaub.

Von Stefan Ulrich, Paris

Vincent Peillon gibt gern das Enfant terrible der französischen Regierung. Kaum zum Bildungsminister ernannt, preschte er mit einer Grundschulreform vor und wurde prompt vom Premier zurückgepfiffen. Dann regte er an, Cannabis zu legalisieren, was dem Premier auch nicht gefiel. Und nun das: Peillon - selbst gelernter Lehrer - vergreift sich an den "grandes vacances", den achteinhalb Wochen währenden großen Ferien. "Wir müssen in der Lage sein, uns mit sechs Wochen zu begnügen", sagte er. "Das reicht."

Die eher beiläufige Bemerkung hat alle aufgescheucht: Lehrer, Schüler, Psychologen, die Opposition und die Tourismusindustrie. Die Ferienpläne des Monsieur Peillon lassen keinen kalt. Denn die großen Ferien gehören zum französischen Mythos vom guten Leben.

In Büchern und Filmen werden jene Wochen im Juli und August besungen, die drei Viertel aller Franzosen zur besten Zeit im Jahr erklären. "Die Ferien des Monsieur Hulot", "Pauline am Strand", "Familientreffen mit Hindernissen" - es gibt unzählige Beispiele im großen Kino für die Faszination der "grandes vacances".

Gute Gründe für den Vorstoß

Einst bekamen die Kinder im Sommer sogar zehn Wochen schulfrei, damit sie bei der Ernte helfen konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Urlaub en famille zum Wohlstandszeichen breiter Schichten. Für viele ist es die Zeit des wahren Lebens. Nun will der Minister daran herumknapsen. Attention. Vor zwei Jahren gingen Tausende Schüler auf die Straße, weil sich auf Facebook ein Gerücht verbreitete, die Ferien würden verkürzt.

Allerdings hat Peillon gute Gründe für seinen Vorstoß. Die Unterrichtszeit in Frankreich ist sehr komprimiert und daher belastend. Während Kinder in anderen Industriestaaten im Schnitt mehr als 180 Tage im Jahr zur Schule gehen, tun sie das in Frankreich nur an 144 Tagen. Entsprechend überladen ist diese Zeit. Der Bildungsminister will mit einer Ferien-Kürzung den Unterricht besser dosieren.

Zudem möchte er zwei Zeitzonen für die großen Ferien einführen, zum Beispiel von Ende Juni bis Mitte August und von Mitte Juli bis Anfang September. So ließen sich Straßen entlasten und Hotels besser auslasten. Touristikexperten sind angetan von solchen Plänen.

Die Elternschaft ist gespalten

Auch etliche Eltern können kleineren großen Ferien etwas abgewinnen. Für sie ist es oft schwierig und teuer, ihre Kinder acht Wochen lang zu beschäftigen. Sie werden durch ganz Frankreich zu Großeltern, Onkeln oder Tanten geschickt, in Ferienlager gebracht, mit Segelkursen unterhalten. Nicht alle können sich das leisten.

Andere Familien wollen indes keinesfalls von wirklich großen Ferien lassen. Auch die Lehrergewerkschaften sind skeptisch. Sie fühlen sich von Peillon überrumpelt und fragen besorgt, ob die Lehrer für mehr Unterricht auch mehr Geld bekämen. Die Psychosoziologin Catherine Espinasse glaubt, die Verkürzung der Sommerferien sei nur ein erster Schritt. Alle Franzosen müssten ihre Einstellung zu Arbeit und Freizeit überprüfen.

Peillon will sich jedoch auf die Schule konzentrieren. "Stellen wir uns in den Dienst der Kinder Frankreichs", appelliert er an seine Kritiker. Womöglich wird der Streit jetzt ohnehin erst einmal abflauen: Am Freitag beginnen die Winterferien.