Folgen der verkürzten Schulzeit Setzen, Sechs!

Die Verkürzung der Schulzeit zum G 8 ist missraten. Jetzt ist es höchste Zeit, durch eine Wahlmöglichkeit der Schulen selbst die lähmende Debatte um die Dauer der Gymnasialzeit zu beenden. Eine Erkenntnis aber bleibt: Die Politik sollte sich aus solchen Projekten heraushalten.

Ein Gastbeitrag von Heinz-Peter Meidinger

Der massive Vertrauensverlust vieler Bürger in die Glaubwürdigkeit von Bildungspolitik hat in einer Reihe von Bundesländern vor allem eine Ursache: das vor knapp zehn Jahren in den alten Bundesländern gegen den Willen der Betroffenen und über die Köpfe der Fachleute hinweg überstürzt eingeführte achtjährige Gymnasium (G 8).

Es lohnt sich heute, noch einmal zu schauen, welche Gründe seinerzeit für die Notwendigkeit der gymnasialen Schulzeitverkürzung angeführt wurden: Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, Haushaltseinsparungen durch weniger Lehrer und Schüler, Sicherung der Renten durch längere Berufsverweildauer, bessere Arbeitsmarktchancen jüngerer Schulabsolventen. Inzwischen klingen diese rein ökonomischen Argumente seltsam hohl und veraltet: Kaum jemand würde den gegenwärtigen wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands mit jüngeren Hochschulabsolventen in Verbindung bringen; ganz abgesehen davon, dass das "gewonnene Jahr" oftmals dazu genutzt wird, sich ein Auslandsjahr, eine Jobphase oder ganz einfach eine Auszeit zu gönnen. Die zeitliche Lücke zwischen Abitur und Studienbeginn hat im Verlauf der letzten Jahre zu- und nicht abgenommen.

Pädagogische Argumente für das G 8 fehlten seinerzeit gänzlich. Forsch formulierte die damalige Kultusministerin von Baden-Württemberg, Annette Schavan, man werde im achtjährigen Gymnasium mehr Abiturienten in kürzerer Zeit zu besseren Ergebnissen führen. Gleichzeitig wurde die Öffentlichkeit getäuscht: Am Unterrichtsvolumen werde nicht gerüttelt, behauptete etwa der damalige saarländische Ministerpräsident Peter Müller, der Stoff werde nur auf acht statt auf neun Jahre verteilt. In Wirklichkeit war die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in allen Bundesländern mit massiven Stundenkürzungen verbunden. Allein in Bayern fielen bis zu 20 Jahreswochenstunden einfach weg, der Beginn einer unseligen Stoffverdichtung.

Die Hochschulreife in acht Jahren zu erreichen - das lässt sich organisieren, etwa mit Ganztagsschulen, wie es andere Länder vormachen. Das konnte oder wollte aber keine Landesregierung finanzieren. Das G 8 wurde eingeführt, ohne die dafür erforderlichen Finanz- und Personalmittel sowie die räumliche Ausstattung zur Verfügung zu stellen. An diesem Grundfehler leidet es bis heute.

Deutschland gehört heute zu den Ländern, die ihren Jugendlichen bis zum Abitur mit am wenigsten Unterricht bieten, nämlich rund 9500 Vollzeitstunden. Der internationale Durchschnitt liegt bei 11.000. Sicher: Quantität ist nicht gleich Qualität -, aber die Möglichkeiten, durch Kürzung von Unterrichtsinhalten, moderne Lehrmethoden und Konzentration auf das Wesentliche Unterrichtszeit einzusparen, sind sehr begrenzt.

Da hilft auch das Allheilmittel "Lehrplanentrümpelung" nicht weiter. Als Beispiele für Stoffüberfüllung werden häufig zu Unrecht Fächer wie Erdkunde, Biologie und Geschichte genannt, die nur einen kleinen Anteil an der Stundentafel haben, während in den Kernfächern wie Mathematik, Deutsch und den Fremdsprachen die Kürzungsmöglichkeiten gering sind. Soll man beispielsweise den Grundwortschatz halbieren oder in der Grammatik den Konjunktiv weglassen? Umgekehrt wird zunehmend das Fehlen von Übungs- und Wiederholungsphasen im achtjährigen Gymnasium beklagt.