Esoterik in der Schule Der Brain-Gym-Virus grassiert

Stecken an den Schulen schwierige Schüler dahinter, sind es an den Universitäten laut Ulrich Berger oft finanzielle Interessen: "Die Unis erliegen leider durch die zunehmende Kommerzialisierung der Bildung leicht der Verlockung des Geldes in Form von Stiftungsprofessuren und kostenpflichtigen Kursen in pseudomedizinischen Therapieformen, für die am Gesundheitsmarkt eine Nachfrage besteht." So werden Schüler und Studenten energiedurchflutet oder tiefenentspannt. Eine Aromatherapie mit dem Produkt "Dufte Schule" soll die Konzentration steigern, Rescue-Tropfen sollen die Angst vor Prüfungen nehmen. An Unis finden sich Kurse in EAV (Elektroakupunktur nach Voll), in Angewandter Kinesiologie, Chiropraktik, Radiästhesie oder Geomantie - alles umstrittene Para- und Pseudowissenschaften.

Am Weitesten verbreitet ist eine Methode, die das Gedächtnis trainieren und den Energiefluss im Körper ankurbeln will. "An enorm vielen Schulen grassiert seit Jahren das Brain-Gym-Virus", sagt Berger. Höhepunkt waren die 1990er Jahre, doch noch immer wird die Gehirngymnastik in Lehrerfortbildungen oder in Nachhilfe-Instituten vermittelt, steht in Schulbüchern des Leykam oder des VAK-Verlags.

Brain Gym stammt aus der Kinesiologie und folgt der Überzeugung, dass die kosmische Energie Qi den Körper durchströmt. Wird der Fluss gestört, kommt es zum Beispiel zu Lernblockaden. Und wie löst man die? Einfach zwei Energiepunkte unter den Schlüsselbeinen oder die positiven Denkpunkte über den Augenbrauen gerubbelt, und schon strömt frische Energie in die Kindergehirne. Zum Abschluss der 26 Bewegungsübungen nehme man einen kräftigen Schluck Wasser, dann gehören Legasthenie oder Konzentrationsschwäche der Vergangenheit an. Viele Schüler sind begeistert von "Brain Gym".

Klar, es macht auch mehr Spaß im Unterricht aufzustehen und die Knie kreisen zu lassen, als Englisch zu lernen. So berichten zum Beispiel Schüler einer sechsten Klasse in Niedersachsen, dass sie sich danach besser und schneller konzentrieren können. Doch liegt das an den Denkpunkten oder bloß an der wohltuenden Bewegung? Etwas macht alle Hoffnungen einer Wunderheilung zunichte: "Mehrere große kontrollierte Studien konnten keinerlei Belege für eine spezifische Leistungssteigerung durch Brain-Gym-Übungen erbringen. Die Versprechungen des Brain-Gym-Konzepts gelten daher heute als wissenschaftlich widerlegt." Daher protestierte Berger als Absolvent der Uni Wien gegen einen dort seit Jahren abgehaltenen "Brain Gym"-Kurs. Fünf Tage später wurde der Kurs gestrichen.

Kritisierte Unternehmen wie der Hersteller des Aromaserie "Dufte Schule" wehren sich gegen die Vorwürfe. Die Taoasis GmbH führte dazu eine vier Jahre dauernde Studie in 30 Klassen durch. Axel Meyer, der Geschäftsführer, spricht von bahnbrechenden Erkenntnissen, die gewonnen wurden. Die Studie im Auftrag von Taoasis ergab, dass Duft von Lavendel und Zitrone die Konzentration der Schüler um 40 Prozent steigert und die Leistungen um 39 Prozent. Ab 6,95 Euro herrschen also paradiesische Zustände in den Klassenzimmern. Die unglaublichen Ergebnisse der Studie haben ein Manko: Sie beruhen rein auf Angaben der Schüler und Eltern, eine neutrale Kontrollgruppe gab es nicht.

Doch ist das Drücken einiger Energiepunkte wirklich so schlimm? Ist es gefährlich, wenn Kinder zur besseren Konzentration mit Lavendel beduftet werden? "Geschadet wird im Allgemeinen nicht dadurch, dass etwas getan, sondern dadurch, dass etwas unterlassen wird", sagt Wolfgang Hund. Unterlassen wird die gezielte Hilfe von pädagogischen Fachleuten, wenn zum Beispiel Aufmerksamkeitsdefizite oder Lernschwächen auftreten. BrainGym-Lehrer missachten zudem den Lehrplan. Hier ist festgehalten, dass sie Schülern den naturwissenschaftlichen Energiebegriff vermitteln sollen - und zwar den, den man in Joule misst. Auch über Esoterik soll aufgeklärt werden, allerdings auf kritische Weise im Religionsunterricht.

Bedenklich ist aber vor allem die Wirkung auf die Schüler: Der unreflektierte Umgang mit dubiosen Mittelchen und Ritualen kann zu einer psychischen Abhängigkeit führen. "Man muss sich nur vorstellen, was in einem Kind bei einer Probearbeit vor sich geht, dessen Mutter am Morgen die gewohnten ,leistungsbringenden Globuli' vergessen hat", sagt Hund. Auf seine eigenen Fähigkeiten wird es sich nicht mehr verlassen.