"Democracy Lab" in Köln Neue Welt, alte Schule

Das SZ Democracy Lab ist eine Einladung zum Mitdiskutieren.

(Foto: Valentin Dornis (M))

Wenn es darum geht, was falsch läuft in der Bildung, schauen viele nach Nordrhein-Westfalen. In Köln haben Lehrer, Eltern und Experten im "SZ Democracy Lab" über drei gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert, auf die Schulen dringend reagieren müssen.

Von SZ-Autoren, Köln

Ayla Çelik schaut einmal über den Schulhof, 59 Männer und Frauen schauen zurück. "Ich kann Ihnen die Räume schon zeigen, wenn Sie wollen", sagt sie, als sei das vielleicht doch keine so gute Idee. Die Gruppe nickt. Die Lehrerin, die zur Schulleitung gehört, läuft los. Hier, die Container waren asbestbelastet, das Gesundheitsamt musste sie wieder freigegeben. Dann die Turnhalle: Sprossenwände, Matten, das war's. Die Halle ist so klein, dass ein Teil der Schüler in andere Hallen pendelt. "Und die Toiletten...", Çelik bricht den Satz ab.

Besser mitreden - im Democracy Lab der SZ

Was muss sich in Deutschland ändern? Darüber wollen wir im Wahljahr mit Ihnen diskutieren - machen Sie mit beim Democracy Lab. Mehr zum SZ-Projekt finden Sie hier.

Zu wenig Platz, zu alte Gebäude. Die Raumsituation, an dieser Kölner Schule noch glimpflich im Vergleich zu vielen anderen, ist eines der offensichtlichsten Probleme an deutschen Lehranstalten. Für viele sind die tatsächlichen Baustellen symptomatisch für jene im übertragenen Sinne. Wenn es um Bildungspolitik geht, dürfte es nur einen Punkt geben, in dem sich Schüler, Lehrer, Eltern und Experten einig sind: Es muss sich etwas ändern. Und zwar einiges.

Wenn es darum geht, was genau falsch läuft an unseren Schulen, schauten zuletzt viele nach Nordrhein-Westfalen. Im Mai wurden hier die Grünen auch deshalb abgewählt, weil so viele Unterrichtsstunden ausfielen, weil es Probleme gab beim Turbo-Abitur und bei der Inklusion. Es war nur der Beginn einer notwendigen Debatte, die jetzt im Bundestagswahlkampf weitergeführt wird. In allen 16 Bundesländern muss sich in Sachen Bildung einiges verbessern. Nur: Wie?

Schulleiterin Julia Gajewski weiß, was Multikulti im Klassenzimmer bedeutet.

(Foto: Valentin Dornis)

Eine Gesamtschule in Köln-Longerich, es dämmert über dem Schulhof. Die Süddeutsche Zeitung hat mit dem Democracy Lab Halt gemacht, um mit den 59 Menschen vom Schulhof diese Frage zu diskutieren. Konkret geht es um "Multikulti im Klassenzimmer", Social-Media als Unterrichtsfach und den Wert des Abiturs. Drei Themen also zu gesellschaftlichen Entwicklungen, auf die Schulen dringend reagieren müssen. Drei Räume, in denen Männer und Frauen zuhören können, was Bildungsexperten dazu sagen. Und in denen sie natürlich mitreden können.

Multikulti im Klassenzimmer - Schaffen wir das?

Erstes Klassenzimmer, Thema Integration. Julia Gajewski sitzt vor zwanzig Zuhörern, es geht um Integration. Gajewski ist eine Frau mit kurzen Haaren und klaren Worten, Schulleiterin einer Gesamtschule in Essen. Sie sagt, manche ihrer Kollegen hätten kündigen wollen, weil sie sehen würden, dass sie Kinder verlieren. Jedes dritte Schulkind in Deutschland hat Migrationshintergrund, viele sprechen Zuhause eine Fremdsprache. "Aber es machen dann doch alle Kollegen weiter, weil aufhören auch aufgeben hieße", sagt sie.

Doch wie genau geht das, weitermachen? Die Gruppe debattiert Lösungen: Mehr Gesamtschulen, wo die Kinder in ihrer Herkunft und ihrem Bildungsniveau durchmischt sind. Mehr Ganztagsklassen, damit es mit der Sprachförderung besser klappt. Und mehr Geld für kleinere Klassen und Lehrer, die Zeit haben für die Schüler; laut Bildungsbericht fehlt es allein seit der sogenannten Flüchtlingskrise an 10 000 Pädagogen.

Integration: Lösungsansätze
  • Wir brauchen mehr Gesamtschulen, an denen Kinder mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Bildungsniveau gemeinsam lernen.
  • Ganztagesklassen helfen Schülern, die zuhause eine andere Sprache sprechen, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.
  • Schulen brauchen mehr Geld für kleinere Klassen und Lehrer, die für ihre Schüler genug Zeit haben.
  • Wohnpolitik ist Schulpolitik - hier muss man ansetzen.
  • Eltern sollten gezielt unterstützt und eingebunden werden.
  • Es braucht eine pädagogische Ausbildung für Imame.

Ein junger Mann meldet sich, er hat für seine Masterarbeit deutsche und ausländische Schüler und Lehrer befragt, wie sie zu Interkulturalität stehen. Zwei jüdische Mädchen hätten gesagt, dass sie sich nicht trauten, über ihre Religion zu sprechen. Ein schwuler Lehrer hätte von Mobbing erzählt. Das sind Probleme, sagt er, über die gesprochen werden müsse, nicht nur vom rechten Rand. Allzu oft sei es eben kein finanzielles Problem, sondern ein kulturelles, und ein soziales. Eine Referendarin meldet sich, sie erzählt von Gesprächen mit Schülern. Wenn zum Beispiel die Eltern Erdogan gut finden und das Kind nicht weiß, wie es damit umgehen muss. "Wir als Lehrer müssen mit den Kindern reden", sagt sie, und Julia Gajewski nickt ihr zu.

Bildungsökonomin Kerstin Schneider sieht die politisch geforderte Akademisierung kritisch: "Wir brauchen höhere Qualifikationen, die bekommen wir aber nicht automatisch, wenn wir allen das Abitur geben."

(Foto: Valentin Dornis)

Wer kein Abi macht, ist doof!?

Einen Raum weiter sitzt Rechtsanwältin Lea Comans auf einem kleinen Holzstuhl und schlägt die Beine übereinander. Das Thema hier: Bildungsschwemme. Comans vertritt Schüler und Studenten in Rechtsstreitigkeiten - und vor allem deren Eltern. Wenn der Sohn keinen Platz auf dem Wunschgymnasium bekommen hat, wenn die Tochter nicht versetzt werden soll.

Denn immer stärker wird Bildungserfolg an Abschlüssen gemessen, diskutieren die Zuhörer, die Hauptschule verschwindet in manchen Teilen des Landes, G8 entlässt die Schüler schon nach zwölf Jahren in den Arbeitsmarkt.

Kehrseite der Akademisierung: Lösungsansätze
  • Jedem das Abi schenken, damit keine Bewerbung mehr aussortiert wird - kann das eine Lösung sein?
  • Eher nicht: Schüler mit mittlerem Abschluss oder Hauptschulabschluss brauchen mehr Förderung. Steigen ihre Kompetenzen, wächst auch die Wertschätzung für ihre Ausbildung.
  • An Haupt- und Realschulen sammeln sich Kinder, die zuhause weniger Unterstützung bekommen. Diese Schulen sollen mehr Geld für kleinere Klassen, zusätzliche Psychologen und Sozialarbeiter erhalten.
  • Vorurteilen in der Lehrerausbildung muss entgegengewirkt werden: Wer gut ist, geht an ein Gymnasium, heißt es da oft. Dabei sind die Anforderungen an Hauptschullehrer andere, aber keinesfalls geringere.
  • Die akademische Ausbildung darf nicht zur Voraussetzung werden, an der Wissensgesellschaft teilzunehmen. Deshalb muss die berufliche Ausbildung künftig mehr theoretische Kenntnisse vermitteln.
  • Lebenslanges Lernen kann verhindern, dass berufsspezifische Ausbildungen von vornherein als nachteilig angesehen werden.

Matthias Rumpf von der OECD findet das nicht schlecht: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fordert seit Jahren mehr Akademisierung. Und Rumpf sieht auch heute keinen Grund, davon abzuweichen. In der Wissensgesellschaft bräuchte man für immer mehr Berufe Wissen, das erst in der Oberstufe und im Studium vermittelt würde. Aktuelle OECD-Daten zeigen, dass Akademiker die besten Aussichten auf Beschäftigung haben.

So geht das hin und her, zwischen Rumpf, Comans und dem Bildungsforscher Rainer Bölling, der anführt, dass höhere Studierendenquoten nur mit Abstrichen bei den Inhalten zu ermöglichen wären. Bis sich Kerstin Schneider einschaltet. Sie ist Bildungsökonomin an der Uni Wuppertal. Es sollte weniger über Abschlüsse geredet werden, sagt sie, und mehr über Kompetenzen. Und vor allem: Über die Qualität der Ausbildung. Als sie das sagt, gehen viele Hände wieder runter, werden viele Wortmeldungen zurückgezogen, als hätten die Teilnehmer das auch sagen wollen.

Mathe, Englisch, Snapchat

Im dritten Raum, Thema: "Social Media als Schulfach?", hat sich Matthias Burchardt gerade warm geredet. Er ist Bildungsphilosoph und Vater von vier Kindern. Die sollen erst ein Smartphone bekommen, wenn sie 18 sind, die Schule soll seiner Meinung nach ein analoger Schutzraum bleiben. Denn die Kinder wüssten zwar, wie man bei Facebook "Gefällt mir" klickt, aber nicht, dass damit Werbung auf sie zugeschnitten wird. Dass Firmen an den Klicks verdienen.

Dass sehen die meisten im Raum ähnlich und trotzdem stimmen ihm die wenigsten zu. Elisa Becker ist 21 Jahre alt und verdient als Instagrammerin ihr Geld. Sie sagt: "Die Kinder sind doch ohnehin ständig am Handy." Florian Nuxoll ist ihrer Meinung. Der Lehrer erzählt von einem Fall, ein Mädchen hatte sich filmen lassen, während sie Oralsex mit ihrem Freund hatte. Der hat das Video einem Freund geschickt. Der hat es weiter geschickt. Nuxoll sagt: Die Lösung kann nicht sein, darüber zu schweigen, auch nicht in der Schule.

Social Media: Lösungsansätze
  • Schule muss die neue digitale Lebenswelt der Kinder anerkennen und in den Unterricht integrieren.
  • Diese Kapitulation ist falsch. Schule sollte Kindern einen analogen Schutzraum bieten - damit sie gerüstet sind für das Heranwachsen in der digitalen Welt.
  • Was Schule den Kindern beibringen kann, ist das "social" in Social Media.
  • Jeder Lehrer muss wissen, wie zum Beispiel Snapchat - oder das aktuell angesagte Medium - funktioniert.
  • Digitalisierung ist technische Erfindung, mediale Revolution und Kulturtechnik zugleich und muss entsprechend ganzheitlich gedacht werden.
  • Eltern sollten Kinder schon früh ans Digitale heranführen; z.B. begleitetes Googeln ab der 2. Klasse, eigenes Smartphone ab der 6. Klasse.
  • Man sollte nicht immer nur über die Gefahren des digitalen Raums sprechen, sondern statt der Bedenken die Chancen betonen.

Nur: Wie geht das? Da meldet sich eine junge Lehrerin. Sie hat im Kunstunterricht mit den Schülern Fotos bei Instagram bearbeitet - und gleichzeitig eine Stundenreihe zum Thema "verantwortlicher Umgang" erstellt. Sei gut angekommen, sagt sie.

Nach mehr als anderthalb Stunden endet das Democracy Lab. Drei Themen, drei Räume, mag sein, dass nicht für jedes Problem eine Lösung gefunden wurde, dass Lösungen besprochen und wieder verworfen wurden, um dann andere Lösungen zu besprechen. Aber es ist ein Anfang. Die Männer und Frauen schieben die Holzstühle wieder unter die Schulbänke, manche reden auf dem Nachhauseweg weiter. Für alle, die gar nicht mehr aufhören können, geht die Diskussion sogar über WhatsApp weiter.

Soziale Medien gehören in die Klassenzimmer

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