Datenschutz bei Online-Kursen Ein Professor legt sich mit Coursera an

Der Mathematiker Paul-Olivier Dehaye probierte genau das aber trotzdem. Der derzeit noch in Zürich lehrende Junior-Professor plante Mitte 2014 einen Coursera- kritischen Lehrgang - auf Coursera. Sein Plan wurde auch zum Testfall für die Freiheit der Lehre. Er kam nicht gut an.

Dehaye hatte nach seinen Angaben geplant, mit rund 5000 Web-Studenten den Zielkonflikt zwischen dem Bildungsauftrag der öffentlichen Universitäten einerseits und dem Profitstreben des von Risikokapitalgebern finanzierten Start-ups Coursera andererseits zu thematisieren. In seinem Kurs auf Coursera zeigte Dehaye, wie Coursera über Studenten Profile erstellen kann, in die zum Beispiel Forumposts, Lernzeiten oder Fehlerquoten einfließen könnten. Seine These war: Professoren, Studenten, Lehrmaterial - einfach alles sei für Coursera lukratives Datenmaterial.

Schon zu Kursbeginn Mitte Juni hatte er von Coursera für Lehr- und Forschungszwecke die vollständigen Datensätze seines eigenen Kurses verlangt. Das Unternehmen lehnte sein Ansinnen ab.

Dehaye löscht Kursmaterialien, ruft zum Boykott auf

Ende Juni las Dehaye in der Presse von einem Experiment, das Facebook mit seinen Nutzern durchgeführt hat. Dabei sollte die Stimmung der Nutzer manipuliert werden. Er fragte sich, ob Coursera ähnliche Verfahren anwendet, ohne die Nutzer zu informieren. Die Vertragsbedingungen der Plattform, die er daraufhin erneut studiert, lesen sich seiner Meinung nach damals an entscheidenden Stellen ähnlich wie jene von Facebook. In einer spontanen Aktion forderte er seine Studenten auf, Coursera zu verlassen. Er selbst löscht Kursmaterialien. Damit verstieß Dehaye gegen die Vertragsbedingungen von Coursera.

Dennoch ist die Reaktion der Kalifornier erstaunlich: Das Unternehmen stellte dem Professor ein Ultimatum von 24 Stunden, um den Inhalt wieder online zu stellen. Coursera nahm ihm auch die Möglichkeit, sich seinen Studenten gegenüber auf der Plattform zu erklären. Dehaye sah nach seinen Angaben seltsame Dinge in seinem Nutzerprofil vorgehen. Er ist der Meinung, Mitarbeiter von Coursera bemächtigten sich seines Profils. Gleichzeitig wurden ihm auf der Plattform seine Dozentenrechte entzogen; als er versuchte, sich zu erklären, in dem er Kommentare auf Coursera postet, wurden diese für Dritte - seine Studenten - unsichtbar.

Gleichzeitig stritt sich Coursera mit der Universität, an der Dehaye unterrichtet, und unterbrach zumindest zeitweise die Zusammenarbeit mit der Universität. An der Uni trägt der junge Professor, der in Stanford promoviert hat, heute den Ruf eines Querulanten.

Seit März läuft ein Verfahren

Um sich zu wehren und die fragwürdigen Handlungen Courseras zu belegen, verlangt Dehaye seit Oktober 2014 nach EU-Recht die Herausgabe seiner personenbezogenen Daten. Doch Coursera weigere sich, die kompletten Datensätze herauszugeben. Auch zu diesem Sachverhalt gab Coursera auf Anfrage keine Antworten.

Seit März 2015 klagt Dehaye daher gegen das Unternehmen in New York. Es geht nicht nur um Dehayes Ruf, sondern auch um die Freiheit der akademischen Lehre in einem neuen, bislang unbekannten privaten und digitalen Umfeld.

Die beiden Münchener Universitäten teilen diese Sorgen offenbar nicht. Aus Sicht des Datenschutzbeauftragten der LMU sei das Angebot in Ordnung, sagt Wirsing. Und an der TUM spricht der zuständige Vizepräsident zwar von Herausforderungen mit dem Datenschutz. Er sehe aber kein grundsätzliches Problem, da das Angebot freiwillig sei. Niemand müsse einen Kurs auf Coursera absolvieren. Wie lange das so bleibt, ist freilich offen. Setzt sich das Angebot durch - und danach sieht es aus - wird digitales Lernen für Studenten und ein einsehbarer Datensatz über das Lernverhalten für Arbeitgeber in Zukunft Alltag sein.