Bildungserfolge an der Rütli-Schule Abi aus Neukölln

Früher druckten die Zeitungen eine düstere Fassade zu Rütli-Geschichten. Heute lässt sich der Einfallsreichtum hier schon von außen erkennen.

(Foto: Imago Stock&People)

Vor acht Jahren erklärte die Berliner Rütli-Schule den Bankrott, seitdem haben Land und Lehrer vieles umgekrempelt. Die ersten Schüler haben nun ihr Abitur geschafft. Doch es gibt auch Neider.

Von Jens Schneider, Berlin-Neukölln

Tamam ist 15 Jahre alt, in drei Jahren will die junge Berlinerin ihr Abitur machen, und dann studieren. "Hier sind so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, das gefällt mir", sagt das muslimische Mädchen über ihre Schule in Neukölln. Es gibt Kinder, deren Eltern aus Afrika kommen, Kurden, Türken und Araber. "Hier begegnen sich so viele interessante Kulturen." Das ist für sie das Besondere ihrer Schule. Und dann all die Angebote, gerade hat sie in einer Arbeitsgemeinschaft gelernt, wie sie Menschen in Not erste Hilfe leisten kann. Sie hat einen Kurs in Arabisch bestanden, ihrer Muttersprache, sie wird ihn als zweite Fremdsprache für ihr Abiturzeugnis einbringen können.

Ihr fällt zusammen mit ihrer Klassenkameradin Rim noch einiges ein, was besonders ist an der Schule. Nur der Name und die jüngere Geschichte, die spielen dabei keine Rolle. Sie haben mal gehört, dass da was war, das schon. Es hat vielleicht auch mal jemand gefragt, wie es denn so zugeht auf der Rütli-Schule in Neukölln. Aber selbst das kommt kaum vor. "Nein, das spielt keine Rolle." Die beiden wissen höchstens vom Hörensagen, dass hier mal was los war, gewaltig Schlagzeilen produzierte. "Manchmal erzählen wir Lehrer ihnen von früher", scherzt die Pädagogin Hilde Holtmanns. So richtig vorstellen können die Schüler sich das dann nicht.

So schnell kann das gehen, so schnell kann sich etwas ändern, obwohl manche damals meinten, dass es niemals besser werden könne, weil Neukölln nun einmal ein Problemquartier ist.

Als der Brief öffentlich wurde, änderte sich alles

Gerade acht Jahre liegt es zurück, dass die Lehrer der Rütli-Schule, damals eine reine Hauptschule, eine Art Hilferuf aufsetzten, der bundesweit eine Debatte über die Zustände, die Hoffnungslosigkeit an Hauptschulen in sozialen Brennpunkten auslöste. Das Schreiben wird hier noch heute "der Brandbrief" genannt. Als der Brief öffentlich wurde, änderte sich alles. "Als ich an diesem Morgen zur Schule kam, fragte ich erst mal, ob hier der Oscar verliehen werden sollte", erinnert sich Hilde Holtmanns, die seit 30 Jahren an der Schule unterrichtet. Die Fernsehteams wollten die Welt der Lehrer filmen, die einen unzumutbaren Alltag beschrieben, wo "Gegenstände zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen" flogen, einige Lehrkräfte sich nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen wagten, damit sie Hilfe anfordern konnten.

Die Schule hatte zu wenig Lehrer und faktisch keine Leitung. Den Lehrern fehlten Zeit, Kraft und Mittel, um mit Schülern aus aller Herren Länder umzugehen. Die Rütli-Schule wurde zum Symbol für das Versagen im Umgang mit Migration und Armut, nun könnte sie zum Symbol für das Gelingen werden. Sie muss aber auch mit dem Vorwurf leben, zu privilegiert zu sein, um als Modell zu dienen.

Genaugenommen gibt es die Rütli-Schule nicht mehr, nur der Name ist noch da, aber mit anderem Sound versehen. "Campus Rütli" heißt der Verbund jetzt, drei Schulen vereinten sich zur Gemeinschaftsschule. Alle Schulabschlüsse sind möglich, seit 2011 gibt es eine gymnasiale Oberstufe. Gerade haben die ersten 23 Abiturienten ihr Zeugnis erhalten. Das war 2008 unvorstellbar.

Nicht nur in der Spitze zeichnet sich die Schule aus

Darunter sind vier, denen einst der Besuch der Hauptschule empfohlen worden war. Elf kommen aus einem arabischen Elternhaus, andere haben einen türkischen oder albanischen Hintergrund. Nicht nur in der Spitze zeichnet sich die Schule aus. Es verlassen, sagt Schulleiterin Cordula Heckmann, unterdurchschnittlich wenig Schüler den Campus ohne einen Abschluss.

Nach dem Brandbrief ging es wie im Zeitraffer. Schnell engagierten sich Stiftungen und Künstler, Sozialarbeiter und Schulpsychologen wurden eingestellt. Entscheidend aber war die grundsätzliche Neuausrichtung. Aus einer Hauptschule, als Restschule für Chancenlose abgeschrieben, wurde eine Ganztagsschule, die alle Schulformen flexibel vereint. Mit einem großen Angebot von der Musikschule bis hin zur Berufsförderung für Schüler mit Schwächen. Ein inzwischen stark verjüngtes Lehrerkollegium zeigt sich offen für Lernformen, die auf individuelle Förderung setzen, wie den Jül, den jahrgangsübergreifenden Unterricht bis zur 6. Klasse. "Hier werden nicht Klassen unterrichtet. Im Mittelpunkt steht der einzelne Schüler", sagt Schulleiterin Heckmann.