Bildung "Wir steuern in einen pädagogischen Notstand"

In deutschen Grundschulen gibt es für Lehrer weit mehr Stellen als Bewerber. Die Diskrepanz soll derzeit so groß sein wie seit 20 Jahren nicht.

(Foto: picture alliance / Arno Burgi/dp)

Wenn die Schüler aus den Ferien kommen, warten statt Lehrern vielerorts Pensionäre und Quereinsteiger auf sie. Denn die Politik fürchtet ein Überangebot.

Von Paul Munzinger

Wegen des akuten Lehrermangels schlagen Verbände und Gewerkschaften zu Beginn des neuen Schuljahres Alarm. Die Lage an den Schulen sei so "zugespitzt wie seit zehn Jahren nicht", sagte Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Süddeutschen Zeitung. "Wir steuern sehenden Auges in einen pädagogischen Notstand", warnt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Die Situation spitze sich immer mehr zu, so Beckmann, "hat aber aufgrund des Schülerzuwachses ihren Höhepunkt noch nicht erreicht".

Auch Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, warnt vor massivem Lehrermangel, speziell an Grundschulen. So groß wie in diesem Jahr sei die Diskrepanz zwischen Stellen und Bewerbern seit 20 Jahren nicht mehr gewesen.

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Besonders eklatant ist die Lage derzeit in Sachsen, wo das neue Schuljahr wie in sieben anderen Bundesländern bereits begonnen hat. Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) hatte jüngst eingeräumt, dass dem Freistaat das schwierigste Schuljahr seit 1990 bevorstehe. Weil sich zu wenige ausgebildete Lehrer beworben hätten, seien mehr als die Hälfte der 1400 neu eingestellten Lehrer sogenannte Seiteneinsteiger. Ähnlich sieht es in Berlin aus.

Der Mangel an Lehrern ist besonders in den neuen Bundesländern ein Problem. Aufgrund des massiven Geburtenrückgangs in den Neunzigerjahren wurden dort Ausbildungsplätze in großem Umfang gestrichen. Zudem verweist Meidinger darauf, dass die neuen Bundesländer derzeit mit voller Wucht von einer Pensionierungswelle getroffen würden. Die alten Bundesländer hätten diese bereits hinter sich.

Doch nicht nur im Osten wird der Lehrermangel zunehmend zum Problem. In Niedersachsen etwa kam es am Mittwoch zu Protesten von Elternverbänden, weil das Kultusministerium Gymnasiallehrer kurzfristig an Grund- und andere Schulen abgeordnet hatte.

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte Mitte Juli ein Maßnahmenpaket vorgestellt, um dem Lehrermangel beizukommen. Es sieht unter anderem vor, Pensionäre mit mehr Gehalt zu einer Rückkehr an die Schule zu bewegen und Quer- und Seiteneinstieg stärker zu bewerben. Besonders die letztgenannte Initiative sieht Meidinger kritisch. Sie ginge zulasten der Unterrichtsqualität.

Schülerzahl wird weiter steigen

Die Gründe für den Lehrermangel sind nach Einschätzung von Experten vielfältig. Der Bedarf sei in den vergangenen Jahren durch bildungspolitische Weichenstellungen wie Ganztagsunterricht und Inklusion stark angestiegen. Dazu komme der Zuzug aus dem Ausland allgemein und speziell die Ankunft Hunderttausender Flüchtlingskinder seit 2015, der besonders in den Grund- und Berufsschulen zu Buche schlage.

Zudem steige die Zahl der Schüler aufgrund höherer Geburtenzahlen seit einigen Jahren wieder an, nachdem er über Jahre konstant gefallen war. Einer Mitte Juli veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren verstärken; die Forscher erwarten einen "Schüler-Boom".

Die Länder seien in ihren Prognosen zu vorsichtig, kritisiert Meidinger. "Die Politik hat weniger Angst vor einem Mangel als vor einem Überangebot." Er weist aber auch darauf hin, dass sich die Situation je nach Region, Fach und Schulart höchst unterschiedlich darstelle. So steht dem Mangel an Grundschulen ein deutliches Überangebot an Gymnasiallehrern etwa in Bayern oder Baden-Württemberg gegenüber, besonders für Fächer wie Deutsch und Geschichte. Meidinger plädiert deshalb seit Jahren vergeblich für ein bundesweites Lehrerportal, in dem die Länder offene Stellen verzeichnen können.