Betreuung in Krippen und Kindergärten Eine Erzieherin, neun Kinder

Die Betreuungssituation in deutschen Krippen und Kindergärten ist prekär. In Westdeutschland kommen einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge auf einen Erzieher im Schnitt 8,6 Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Im Osten der Republik sind es sogar 11,8 Kinder.

Eltern, die auf die Unterstützung der Großeltern hoffen müssen; Mütter und Väter, die sich in Großstädten zu Initiativen zusammenschließen; Alleinerziehende, die sich zerreißen, um die Betreuung ihrer Kinder irgendwie zu gewährleisten: Vom 1. August an soll all das Geschichte sein. Dann nämlich tritt der gesetzliche Anspruch auf einen Krippenplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr in Kraft. Knapp vier Wochen vor dem Stichtag zeigt der jährliche "Länderreport frühkindliche Bildungssysteme" der Bertelsmann Stiftung: Die Betreuungssituation in vielen Krippen und Kindergärten ist prekär. Ein Überblick.

  • Ganztagesbetreuung allgemein

Im Osten Deutschlands hat die ganztägige Kinderbetreuung eine andere Tradition als im Westen der Republik. So werden in den neuen Bundesländern fast drei Viertel der Kinder bis zum Alter von sechs Jahren mehr als 35 Stunden pro Woche außer Haus betreut. In den alten Bundesländern sind es bei den unter Dreijährigen dagegen nur knapp 44 Prozent, bei den Drei- bis Sechsjährigen sogar noch weniger (34,2 Prozent).

Darüber hinaus ist das Personal in ostdeutschen Kindertagesstätten (Kitas) besser ausgebildet: Dort gibt es in knapp jeder dritten Einrichtung mindestens eine Betreuungsperson mit Hochschulabschluss. Im Westen ist das nur bei 25,4 Prozent der Kitas der Fall.

Allerdings sind die niedrigeren Kita-Quoten im Westen nicht allein dadurch bedingt, dass Eltern ihre Kinder lieber zu Hause betreuen. Hier gibt es schlicht nicht genügend Plätze in Ganztageseinrichtungen. Im März dieses Jahres fehlten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bundesweit mehr als 200.000 Kita-Plätze - die Mehrzahl davon im Westen.

Der Osten mag zwar bei der Zahl der Angebote gut dastehen - dafür krankt die Kinderbetreuung an anderer Stelle.

  • Ganztagsbetreuung in Krippen (Kinder unter drei Jahren)

Im bundesweiten Durchschnitt betreut ein Erzieher in Vollzeit in einer Krippe 4,5 Kinder. Dieser Wert klingt erst einmal nicht alarmisierend - liegt doch der von Bertelsmann empfohlene Personalschlüssel bei 1:3. Allerdings erfüllt nur Bremen diese Quote annähernd (3,1 Kinder). In den übrigen Bundesländern ist die Sitaution sehr unterschiedlich, wobei das Betreuungsverhältnis im Osten der Republik sehr viel schlechter ist als im Westen. So ist in den neuen Bundesländern ein Erzieher im Schnitt für sechs Kinder unter drei Jahren verantwortlich (Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt mit einer Quote von 1:6,5). In den alten Bundesländern kommen auf einen Erzieher 3,7 Kinder.

  • Ganztagesbetreuung in Kindergärten (Kinder von drei bis sechs Jahren)

Noch problematischer ist die Situation in Kindergärten. Im bundesweiten Schnitt kümmert sich ein Erzieher um 9,1 Kinder. Die Bertelsmann-Empfehlung liegt bei 1:7,5. Abermals sind Erzieher im Osten für weitaus mehr Kinder verantwortlich (11,8 Kinder pro Vollzeitkraft) als im Westen (8,6 Kinder pro Vollzeitkraft). "Im Osten muss mehr in Qualität investiert werden", mahnt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Auch wenn der Betreuungsbedarf mit zunehmendem Alter abnimmt, weil sich Kindergartenkinder eher auch mal mit sich selbst beschäftigen können, erscheinen die vorgestellten Zahlen besorgniserregend. Zumal vor dem Hintergrund, dass es auch Einrichtungen gibt, die die komplette Altersspanne von null bis sechs Jahren abdecken.

In diesen altersübergreifenden Modellen ist die spezifische Betreuung der Kleinsten noch schlechter. Die Bertelsmann Stiftung warnt: "Die Bildungschancen der unter Dreijährigen verschlechtern sich derzeit deutlich, wenn sie statt einer Krippe eine andere Gruppenform besuchen, in der auch ältere Kinder betreut werden." Gerade für die frühkindliche Bildung sei entscheidend, "wie viele Kinder eine Erzieherin zu betreuen hat. Studien zeigen: Bessere Personalschlüssel ermöglichen mehr bildungsanregende Interaktionen und Aktivitäten für die Kinder. Zudem hat sich gezeigt, dass bei vergleichsweise guten Personalschlüsseln Kinder ihre sprachlich-kognitiven und sozialen Fähigkeiten besser entwickeln."

Stichtag für die Datenerhebung war der 1. März 2012. Ausgewertet wurden unter anderem Daten der statistischen Ämter des Bundes und der Länder.

Die Aufgaben des Bildungsvergleichs

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