Zwei Jahre Rauchverbot Per Mundpropaganda ins Qualmstüberl

Die Debatte übers Rauchverbot war ein Kulturkampf. Nun ist die Regelung in Bayern seit zwei Jahren in Kraft, und die Sache scheint sich eingespielt zu haben. Doch noch immer klagen Wirte über Verluste - und so mancher holt zu später Stunde noch immer die Aschenbecher raus.

Von Michael Tibudd

Hubert Waldherr muss einem die vielen Miesen gar nicht vorrechnen, man sieht sie ihm an. Es ist ein warmer Sommerabend, Waldherr sitzt vor seiner Kneipe, dem Belfort 7 in Haidhausen, und zündet sich eine Lucky Strike an. "Hier sind alle Raucher", sagt er und zeigt auf eine Handvoll Gäste, die auf den Stühlen vor seinem Lokal Platz genommen haben. "Der einzige, der nicht raucht, ist der Bladi, und der kommt nur alle nas'lang mal."

Rauchen ist gesellig, die Stimmung vor der Tür gut. Zu gut und zu laut, wie manche Anwohner von Kneipen finden. Eine Szene aus der Prielmayerstraße in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Hubert Waldherr erzählt von jener Zeit vor vier Jahren, als er die Kneipe in der Belfortstraße als Pächter übernommen hat. 70 Quadratmeter Gastraum, Theke, vier, fünf Tische, ein paar Automaten zum Zocken, Zielscheiben zum Dart-Spielen. "Damals musste man noch anstehen, um reinzukommen", sagt er.

Bis dann vor zwei Jahren alles anders wurde. "Jetzt kommt kaum noch einer." 40.000 Euro, so sagt der 50-Jährige, hat er seither aus dem Ersparten ins Geschäft gesteckt, um den Betrieb überhaupt am Laufen zu halten - eine Rechnung, die wohl nicht mehr lange aufgeht. "Das hier ist meine Existenz", sagt Waldherr mit tiefer, verrauchter, frustriert klingender Stimme, "und die hat man mir mit dem Rauchverbot zerstört."

Die Zerstörung ging in diesem Fall vom Volke aus, genauer gesagt vom Ergebnis des Volksentscheids zum Nichtraucherschutz in Bayern, bei dem am 4. Juli 2010 61 Prozent für ein strenges Rauchverbot in Bayerns Gastronomie stimmten. Zum 1. August 2010 trat die neue, scharfe Regelung in Kraft.

Damit endete ein regelrechter Kulturkampf zwischen jenen, die im Rauchen einen Ausdruck von Freiheit sahen, und den anderen, die ihre Freiheit durch Raucher in Kneipen und Gastwirtschaften als eingeschränkt empfanden.

Auch politisch war das Thema schwer umkämpft, eine ursprünglich sehr strenge Regelung lockerte die schwarz-gelbe Koalition nach der Landtagswahl 2008. Dagegen zog bald darauf eine Initiative um Sebastian Frankenberger zu Felde. Höhepunkt war besagter Volksentscheid.

Und nun, zwei Jahre später? Ob Boazn, Szenekneipe oder Speiselokal: Zum Rauchen stehen oder sitzen die Leute draußen, im Gasthaus selbst ist die Luft oft frischer als vor der Tür. Riesig scheint die Zahl der Verstöße nicht zu sein, jedenfalls hat das Münchner Kreisverwaltungsreferat als zuständige Behörde im ersten Jahr gerade einmal 195 Bußgelder gegen Wirte verhängt, im zweiten Jahr waren es 135. Bei 6000 Gaststätten im Stadtgebiet ist das zumindest nicht die Welt.

Auch anderswo gibt es offenbar drängendere Probleme. Das Landratsamt Starnberg etwa hat nach entsprechenden Hinweisen aus der Bevölkerung in den vergangenen zwei Jahren 15 Bußgeldverfahren durchgefochten, Kosten für die Wirte: bis zu 800 Euro.

Im Kreis Dachau gab es sieben Bußgeldverfahren. "Die soziale Kontrolle funktioniert", sagt Münchens Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle. Die ganz großen statistischen Auswüchse lassen sich nach seinen Angaben auch nicht bei einem Nebeneffekt des Rauchverbots beobachten: dem Geräuschpegel vor den Kneipen.