Streit um Soldatengrab SS-Runen, jahrzehntelang gepflegt

Mit einem Gedicht über den "süßen und ehrenhaften Tod fürs Vaterland" wird auf dem Friedhof in Offenhausen dreier SS-Soldaten gedacht. Bis vor kurzem zierten das Kreuz auch SS-Runen und drei Stahlhelme.

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  • In Offenhausen gibt es Unmut über ein Grab auf dem Kirchhof. Hier sollen drei Soldaten der Waffen-SS beerdigt sein.
  • Bis vor kurzem standen vor ihren Namen die SS-Runen, an die Enden eines Birkenkreuzes waren drei grüne Stahlhelme montiert.
  • Über Jahre wurde das Grab gepflegt und renoviert. Nun kritisiert eine Pfarrerin das Vorgehen scharf - und sieht sich Anfeindungen ausgesetzt.
Von Lisa Schnell

Tausende abgemagerte Elendsgestalten schleppten sich im April 1945 durch die Straßen von Hersbruck im Nürnberger Land. Viele konnten sich kaum auf den Füßen halten. Wer zusammenbrach, wurde zurückgelassen oder erschossen. Es waren Insassen der Außenlager des KZ Flossenbürg in Hersbruck und Happurg, die von den Nazis auf einen Todesmarsch nach Dachau geschickt wurden. Erst dieses Jahr, 70 Jahre später, soll eine Gedenkstätte entstehen, die an die Opfer erinnert. Dreier mutmaßlicher Täter wird dagegen seit Jahrzehnten gedacht.

Im Kirchhof von Offenhausen, nur zehn Kilometer vom KZ-Außenlager Hersbruck entfernt, haben drei Soldaten der Waffen-SS ihr Grab. Sie wurden am 21. April 1945 von den Amerikanern erschossen. Auf der Grabplatte ein Gedicht. Den Amerikanern wird als "feigen Mördern" mit der Strafe des Weltgerichts gedroht. "Ewiges Licht" verspricht es dagegen den SS-Soldaten, die "süß und ehrenhaft fürs Vaterland" gestorben seien. Bis vor kurzem standen vor ihren Namen die SS-Runen, an die Enden eines Birkenkreuzes waren drei grüne Stahlhelme montiert.

"Es kann nicht sein, dass auf einem Friedhof der Krieg verherrlicht wird"

"Ungeheuerlich" findet das Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten. Es sei nicht auszuschließen, dass die drei an den Todesmärschen beteiligt gewesen waren. "Jeder Mensch sollte ein Grab mit einem Namen haben", sagt Freller, die provozierende Grabplatte kritisiert er aber massiv. Auch Barbara Meister-Hechtel, die im Juli 2014 als Pfarrerin nach Offenhausen kam, war empört, als sie das Grab zum ersten Mal sah. "Es kann nicht sein, dass auf einem Friedhof der Krieg verherrlicht wird", sagt sie.

Gedenken an das "Zentrum des Schreckens"

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Viele in Offenhausen scheinen das allerdings nicht so zu sehen. Es sei "sehr schwierig" gewesen, Bürgermeister und Kirchenvorstand davon zu überzeugen, zumindest die SS-Runen, deren Verbreitung als verfassungswidriges Symbol strafbar ist, und die Stahlhelme zu entfernen, sagt die Pfarrerin. Erst nachdem der Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsche ein "Machtwort" gesprochen hatte, stimmten sie zu.

Im Dorf erlebte die aufklärerische Pfarrerin "subtile Anfeindungen". In Internetforen musste sie Kommentare lesen, die "unter die Gürtellinie" gingen. "Das halte ich nervlich nicht mehr aus", sagt sie. Sie hat sich auf eine andere Stelle beworben, im September wird sie Offenhausen wohl verlassen.

Bei einer Wanderung 2008 entdeckte ein Lehrer das Grab

Auch Alfred Schermann bekommt den Unwillen der Offenhausener zu spüren. Der 68-jährige pensionierte Hauptschullehrer aus Fürth kämpft seit sieben Jahren gegen das Vergessen in Offenhausen. Bei einer Wanderung 2008 entdeckte er das Grab. Empört schrieb er dem damaligen Pfarrer und der Soldaten- und Kriegerkameradschaft. Auch Bürgermeister Georg Rauh hatte den Brief in der Hand. Es passierte nichts.

Schermann selbst aber recherchierte. Die SS-Soldaten waren 19 und 18 Jahre alt. Oft wurden zu Kriegsende junge Männer in die SS gezwungen. Doch zumindest einer von ihnen trat schon im März 1943 ein, als noch keine Zwangslage bestand. Zeitzeugen berichteten, dass sie mit anderen deutschen Soldaten im Schulhaus von Offenhausen gefangen gehalten wurden. Manche sagen, sie hätten sich davor im Dorf mit ihren Greueltaten gebrüstet, andere meinen, sie hätten in Gefangenschaft geprahlt, ohne zu bemerken, dass ein GI Deutsch verstand. Die Amerikaner sollen sie am Waldrand exekutiert haben.

Sechs Jahre später stand Schermann wieder vor dem Grab und war "erschüttert". Die SS-Runen waren fein nachgezeichnet, das völkische Gedicht von Verwitterungen befreit. Das Grab war im Mai 2013 renoviert worden.

Wer die Rechnung von 2000 Euro zahlte, will heute keiner mehr wissen

Wer bezahlte dafür, ein SS-Grab aufzuhübschen? Georg Polster, der damalige Pfarrer, habe im Rahmen einer allgemeinen Renovierung darum gebeten, sagt Peter Lang vom Bauamt Erlangen-Nürnberg. Wer die Rechnung von 2000 Euro zahlte, will heute keiner mehr wissen. Die Dokumente seien nicht mehr aufzufinden, sagt Bürgermeister Rauh. Friedrich Keilholz vom Kirchenvorstand ist sich aber sicher, dass nicht die Kirche, sondern die Gemeinde im Zuge einer Dorferneuerung die Kosten getragen habe. Stimmt das, so wurde das SS-Grab zur Hälfte mit staatlichen Mitteln renoviert.

"Ein Skandal", sagt Schermann. Er schwor sich, diesmal nicht locker zu lassen und schrieb wieder Briefe. Bei der neuen Pfarrerin stieß er zum ersten Mal auf offene Ohren. Dass sie nun geht, scheint Bürgermeister Rauh kaum zu bedauern. "Ich halte sie nicht auf", sagt er. Für ihn selbst ist das Grab "ein Stück Zeitgeschichte", zu der Deutschland stehen sollte. Ginge es nach ihm, könnten die SS-Runen wieder eingesetzt werden, um die Geschichte nicht zu verfälschen. Das Grab diente ihm schon öfters dazu, Jugendlichen "aus dem Nazi-Bereich" die Augen zu öffnen. Er nahm sie mit zur Grabplatte und fragte: "Wollt ihr das? Den süßen Tod fürs Vaterland?" Auch die Mehrheit der Offenhausener verstehe die Aufregung nicht.

Kein Pilgerort für Nazis

Die Mesnerin habe das Grab über die Jahre gepflegt, weil auch sie einen Bruder im Krieg verlor. Alle zehn Jahre soll die Soldatenkameradschaft das Birkenkreuz erneuert haben. Sie hätten darin ein ganz normales "Soldatengrab" gesehen, sagt Vorstand Erich Schmid. Allerdings sollen dort auch Kränze der rechtsextremistischen Organisation ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS abgelegt worden sein. Ein Pilgerort für Neonazis sei das Grab aber nicht gewesen, sagt Bürgermeister Rauh.

Das Gedicht werde noch entfernt, vielleicht gibt es sogar eine Informationstafel. Dann müsste der Wille von "Wichtigmachern" wie Schermann endlich erfüllt sein, meint Kirchenvorstand Keilholz. Und im Dorf hätten sie endlich wieder ihre Ruhe.

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