Spektakuläre Höhlenrettung Raus aus dem Riesending

Im Einsatz für den verunglückten Höhlenforscher: Rettungskräfte laden am Untersberg bei Marktschellenberg nahe dem Eingang zur Riesending-Höhle Ausrüstung in einen Polizeihubschrauber

(Foto: dpa)

Elf Tage nach dem Unglück erreicht die Trage mit dem schwer verletzten Höhlenforscher das Tageslicht. Allein der Transport dauerte sechs Tage - bei ständiger Lebensgefahr für alle Beteiligten. Doch dann haben selbst starke Männer Tränen in den Augen.

Von Sarah Kanning, Berchtesgaden

Wie ein Kokon hängt die Alutrage im Einstiegsloch zur tiefsten Höhle Deutschlands. Johann W. hält sich für die letzten Meter nach oben mit seinem rechten Arm an den Gurten des Flaschenzugs fest, die Augen sind von einer dunklen Brille gegen die helle Sonne geschützt. Zu lange hat er sie nicht gesehen, er könnte einen Schock erleiden. Nach elf Tagen, zehn Stunden und 14 Minuten ist es mehr als 200 der besten Höhlenretter Europas gelungen, den schwer verletzten Forscher aus 1000 Metern Tiefe zu retten. "Hier wurde in den vergangenen zwölf Tagen ein Kapitel alpine Rettungsgeschichte geschrieben", sagt Norbert Heiland, Vorsitzender der Bergwacht Bayern.

Um 11.44 Uhr zogen Retter die Trage mit W. ans Tageslicht. Eine Rettung, die den meisten Fachleuten auf Grund der Tiefe anfangs unmöglich erschien und die Heiland mit der ersten erfolgreichen Rettung aus der Eigernordwand 1957 vergleicht. Die Bergwacht hatte schon in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erwartet, dass das Rettungsteam mit W. die Oberfläche erreicht. Wie die Höhlenretter jetzt beschreiben, hatten sie die Befürchtung gehabt, sich in zu großer Euphorie auf den letzten Metern zu übernehmen oder dem Patienten zu viel zuzumuten.

Der Gesundheitszustand von Johann W. ist zwar nach Angaben der Bergwacht stabil. Er hat allerdings seit fast zwölf Tagen ein unbehandeltes Schädel-Hirn-Trauma, nachdem er bei einer Höhlenerforschung am Pfingstsonntag von einem herabfallenden Stein getroffen worden war. Mit derartigen Verletzungen, die nicht auf der Intensivstation behandelt werden, gebe es relativ wenig Vorerfahrungen, sagte in der vergangenen Woche ein Neurochirurg aus der Einsatzleitung.

"Eine Situation, für die es keinen Masterplan gibt"

Den Höhlenrettern ist die Erleichterung anzusehen, aber auch die Erschöpfung des gigantischen Einsatzes. "Die stärksten Kerle, die nichts zerschreddern kann, hatten dort oben eine Träne im Auge", erzählt Markus Schafheutle von der Höhlenrettung Österreich. In der Geschichte der Speläologie, also Höhlenkunde, "gab es auf der Welt nur zwei Einsätze in solcher Tiefe und mit einer solchen Schwierigkeit", sagt der italienische Höhlenretter Roberto Corti.

Johann W. wusste um die Besonderheiten der Höhle, die erst 1996 entdeckt worden ist und seit etwas mehr als zehn Jahren erkundet wird. Er war einer der Ersten, der die Riesending-Höhle betrat. Er gilt als umsichtiger und extrem gut vorbereiteter Höhlenforscher. Immer wieder erzählten Retter während des Einsatzes, dass W. genau wisse, was mit ihm geschehe, er sei selbst Höhlenretter und habe keine Angst. "Die mentale Stärke, dass der Patient das durchgehalten hat, hat auch die Teams durchhalten lassen", sagt Gesamteinsatzleiter Klemens Reindl. W. wollte gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt unter anderem herausfinden, ob die Riesendinghöhle mit anderen Höhlen im Untersberg verbunden ist.

Der Untersberg ist von Gängen und Höhlen durchzogen wie ein verlassener Ameisenbau. Einige Schächte sind eingestürzt, es gibt Sackgassen, Wassereinbrüche und Stellen, die so eng sind, dass Höhlenforscher hindurchrobben oder sich zwischen zwei Felsen durchquetschen müssen. Daher gestaltete sich die Rettung extrem schwierig. Tagelang waren Höhlenrettungsteams aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Kroatien nur damit beschäftigt, Gänge auszubauen, Trittstifte einzuschlagen und Seilzüge zu installieren. Dann ging es Meter für Meter nach oben, meist nur durch die Muskelkraft der Retter.

Am Donnerstag reiste Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nach Berchtesgaden. "Diese größte und längste Rettung in der Geschichte der Bergwacht Bayern hätte die Bergwacht nicht alleine leisten können, das ist eine Situation, für die es keinen Masterplan gibt", sagte er in seiner Dankesrede. In den vergangenen Jahren investierte der Freistaat 25 Millionen Euro in die Bergwachten, die seit 2009 auch für Höhlenrettungen zuständig sind. "90 Prozent des in den vergangenen zwei Jahren in ganz Bayern angeschafften Materials befindet sich jetzt in der Höhle", sagte Herrmann. Einen großen Teil werden Höhlenforscher vermutlich in den kommenden Wochen heraustransportieren müssen. Herrmann sprach sich für ein Gitter am Höhleneingang aus, um sogenannten Höhlentourismus zu verhindern.

Für Johann W. ist die Reise noch nicht beendet. Er wurde nach einer Untersuchung auf dem Bergplateau sofort in die Unfallklinik Murnau geflogen. Seine Entdeckerlust ist ungebrochen: Im Hubschrauber bat er, herausschauen zu dürfen. Er wollte noch einmal um den Untersberg herumfliegen. Den Berg, in dem er elf Tage lang gefangen war.