Rücktritt der bayerischen Staatskanzleichefin Haderthauer stürzt über Modellbau-Affäre

Christine Haderthauer ist wegen der sogenannten Modellbau-Affäre zurückgetreten. Die Chefin der bayerischen Staatskanzlei stand seit längerem in der Kritik - und will die Betrugsvorwürfe gegen ihre Person nun "vollständig ausräumen".

  • Die Verwicklung in Geschäfte mit Modellautos wurde ihr zum Verhängnis: Bayerns Staatskanzleichefin Christine Haderthauer ist am Montagabend zurückgetreten.
  • Sie erklärte vor der Presse, alle juristischen Vorwürfe gegen ihre Person in der Modellbau-Affäre "vollständig ausräumen" zu wollen. Dafür brauche sie aber "Kraft und Konzentration".
  • Ministerpräsident Seehofer nahm den Rücktritt "mit Respekt" zur Kenntnis. Er bedauere es, "ein meinungsstarkes und couragiertes Kabinettsmitglied verloren zu haben".

Der Rücktritt der Staatskanzleichefin

Bayerns Staatskanzleichefin Christine Haderthauer hat wegen der sogenannten Modellbau-Affäre ihren Rücktritt erklärt. Das gab die CSU-Politikerin am Montagabend bei einem kurzfristig anberaumten Pressetermin in München bekannt. Haderthauer erklärte nach einem Gespräch mit Ministerpräsident Horst Seehofer, sie trete mit "sofortiger Wirkung" als Leiterin der Staatskanzlei zurück. Sie sei zwar überzeugt, dass sie die juristischen Vorwürfe gegen ihre Person "vollständig ausräumen" könne, "dafür brauche ich aber Kraft und Konzentration".

Außerdem wolle sie Schaden vom Amt abwenden, weil sie befürchte, dass ihre Arbeit komplett von der Debatte überlagert werde. Mit einer schnellen Klärung durch die Staatsanwaltschaft sei nicht zu rechnen. Diese geht seit Anfang August Betrugsvorwürfen gegen Haderthauer und ihren Mann nach.

"Die vollständige Klärung hat für mich jetzt absolute Priorität"

Bayerns Staatskanzleichefin Christine Haderthauer hat ihren Rücktritt erklärt. Die Erklärung der CSU-Politikerin im Wortlaut. mehr ... Dokumentation

Haderthauer seit Wochen unter Druck

Seitdem war der Druck auf die Ministerin stetig gestiegen. Am Montag erst war Ministerpräsident Horst Seehofer aus seinem Urlaub zurückgekehrt. Wie es aus Regierungskreisen hieß, war es dem Regierungschef wichtig, eine handlungsfähige Ministerin zu haben. Haderthauer organisiert als Staatskanzleichefin nicht nur das bayerische Regierungsgeschäft, sondern kümmert sich auch um Bundesangelegenheiten.

Was kann die CSU aus der Haderthauer-Affäre lernen?

Seit längerem steht Bayerns Staatskanzleichefin in der Kritik. Nun tritt Christine Haderthauer zurück. Welche Lehren kann die CSU aus der Affäre ziehen? mehr ... Ihr Forum

In München wie in Berlin standen vor ihr arbeitsreiche Wochen mit politisch schwierigen Entscheidungen. Zugleich belasteten sie die Affäre und die Ermittlungen zusehends. Die Opposition im Landtag stand davor, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Zudem war für den 16. September eine Sondersitzung des Parlaments angesetzt worden. Einziges Thema: die Modellbau-Affäre. Bis zu diesem Tag habe Seehofer aber nicht mit einer Entscheidung warten wollen, hieß es am Montag aus der Staatsregierung. Entlassen habe er sie nicht wollen, sie habe selbst ihren Rücktritt anbieten müssen.

Am Abend nahm Seehofer den Rücktritt seiner Staatskanzleichefin "mit Respekt" zur Kenntnis. "Christine Haderthauer hat als Sozialministerin und Staatskanzleiministerin hervorragende Dienste für den Freistaat Bayern geleistet und ihre Ämter stets korrekt geführt", erklärte er. "Dabei hatte sie immer mein vollstes Vertrauen." Er bedauere es persönlich, "ein meinungsstarkes und couragiertes Kabinettsmitglied verloren zu haben".

Ihre Karriere in Bildern

mehr... Bilder

Die bayerische SPD gab sich in einer ersten Stellungnahme bissig: "Frau Haderthauer ist über ihre Arroganz und Überheblichkeit gestolpert", sagte Generalsekretärin Natascha Kohnen. "Wer als Ministerin staatsanwaltliche Ermittlungen wahlweise als Sommertheater, Empörungswelle und Skandalhysterie verspottet, der disqualifiziert sich für ein Ministeramt." Es gebe Dinge, die gehörten sich einfach nicht. Seehofer habe das "viel zu spät erkannt".

Die Modellbau-Affäre

Haderthauer und ihr Mann, der Landgerichtsarzt Hubert Haderthauer, hatten in den Neunzigerjahren ein Geschäft mit Modellautos aufgebaut, die von psychisch kranken Straftätern in der Forensik gefertigt wurden. Ein Vorgang, für den sich die Staatsanwaltschaft interessiert, seit sich ein früherer Geschäftspartner über den Tisch gezogen fühlt. In den Sommerferien verging kaum ein Tag, an dem nicht neue Details bekannt wurden bis hin zu alten Fotos, die Hubert Haderthauer und Modellbauer Roland S., einen Dreifachmörder, beim Weintrinken zeigen.

Daraufhin setzten sich immer mehr Parteifreunde von ihr ab. Ihr wurde auch angekreidet, auf die Vorwürfe öffentlich anfangs patzig reagiert und damit ihre Lage noch verschlimmert zu haben. Anders als bisher zeigte Haderthauer am Montag Verständnis für die öffentliche Debatte. Die aufgetauchten Fragen nannte sie "verständlich".

Bei einem Gläschen Wein

Das Foto entstand vermutlich in den Neunzigern bei einer Messe in Frankfurt. Es zeigt Hubert Haderthauer und den Dreifachmörder Roland S. bei bester Laune - und wirft erneut eine zentrale Frage in der Modellbau-Affäre auf. Von Wolfgang Wittl und Frank Müller mehr ...

Die 51-Jährige war erst verhältnismäßig spät in die Politik gekommen und wurde im Jahr 2003 in den Landtag gewählt. Vier Jahre später machte sie der damalige CSU-Chef Erwin Huber zur Generalsekretärin der Partei. Trotz der Schlappe bei der Landtagswahl 2008 wurde sie Sozialministerin unter Seehofer, der sie fünf Jahre später zu sich in die Staatskanzlei holte.