Rektorin kündigt aus Protest "Ich kann unter diesen Bedingungen die Schule nicht leiten"

Andrea Schöffel ist sauer. Seit Jahren verschlechtern sich die Bedingungen an den bayerischen Grundschulen, sagt die Rektorin. Jetzt hat sie gekündigt, weil ihr nicht genügend Lehrer zugeteilt wurden. Damit schafft sie einen Präzedenzfall.

Interview: Tina Baier

Andrea Schöffel leitet seit vier Jahren die Grundschule Graben im Landkreis Augsburg. Gerade hat sie aus Enttäuschung über die immer schlechteren Bedingungen an den bayerischen Grundschulen gekündigt und damit einen Präzedenzfall geschaffen.

SZ: Warum wollen Sie nicht mehr weitermachen?

Andrea Schöffel: Schule ist meine Leidenschaft. Deshalb habe ich es immer in Kauf genommen, viele Überstunden zu machen. Doch jetzt hat das Schulamt aus meinem ohnehin nur achtköpfigen Team sowohl meine Stellvertreterin als auch eine Lehrerin als mobile Reserve eingeteilt, das heißt beide sind nächstes Jahr sicher weg. Unter diesen Bedingungen würde meine pädagogische Arbeit leiden, an die ich einen hohen Anspruch habe. Ich müsste ständig aus dem Unterricht rausgehen, wenn ich keine Stellvertreterin mehr habe, die mir bei kurzfristig auftretenden Problemen einmal eine Entscheidung abnehmen kann. Ich kann unter diesen Bedingungen die Schule nicht mehr so leiten, dass es Kindern, Lehrern und mir dabei gut geht.

Wie viel unterrichten Sie denn?

Ich hatte dieses Jahr die Leitung einer ersten Klasse. Wir sind eine kleine Schule mit 138 Kindern, da ist es normal, dass die Schulleiterin auch eine Klassenleitung hat - mit allen Aufgaben, die dazugehören, etwa Zeugnisse und Schülerbeobachtungen schreiben. Ich mache auch Pausen- und Busaufsicht. Für meine Aufgaben als Schulleiterin bekomme ich zusätzlich sieben Schulstunden à 45 Minuten pro Woche. Zwei davon habe ich an meine Stellvertreterin abgegeben, weil für ihre Aufgaben gar keine Zusatzstunden vorgesehen sind. Das reicht natürlich hinten und vorne nicht. Auch die Sekretärin ist jeden Tag wesentlich länger da, als sie bezahlt bekommt. Ich habe irgendwann für mich beschlossen, die Zeit, die andere sich ehrenamtlich zum Beispiel in einem Verein engagieren, hier bei mir an der Schule zu investieren, um gute pädagogische Arbeit zu leisten.

Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Ich bin enttäuscht, dass anscheinend überhaupt nicht honoriert wird, wenn an einer Schule gute Arbeit geleistet wird. Ich hatte das Schulamt schon vor Monaten gebeten, zu berücksichtigen, dass wir aufgrund verschiedener Projekte ein sehr arbeitsintensives Jahr vor uns haben. Die Reaktion war, mir zwei etablierte Kolleginnen abzuziehen. Außerdem werden die Rahmenbedingungen immer schlechter.

Wo genau liegen die Probleme?

Die Zuteilung der Lehrer war dieses Jahr so, dass ich bis zum Beginn der Ferien keinen vernünftigen Unterricht für das kommende Jahr organisieren konnte. Die Zahl der Stunden für Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag wurde mir im Lauf der Zeit von acht auf nur noch drei gekürzt. Gleichzeitig sollen die Schulleiter immer mehr Aufgaben übernehmen: Wir müssen zum Beispiel seit einiger Zeit die Lehrer im Unterricht besuchen und beurteilen. Früher hat das ein Schulrat oder eine Schulrätin gemacht. Außerdem sollen wir Mitarbeitergespräche führen, Projekte mit der Jugendsozialarbeit koordinieren und stärker mit den Kindergärten kooperieren. Alle drei bis fünf Jahre gibt es eine Evaluation, bei der alles bis ins Detail öffentlich dargelegt wird. Außerdem sollen wir natürlich die Schule und die Unterrichtsmethoden weiterentwickeln - und das alles mit einem Team, das ständig wechselt.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Kündigung?

Das Kollegium war erschüttert. Auch Eltern und Schüler waren betroffen. Das tut mir leid. Im Schulamt war die Überraschung groß, als ich meinen Antrag auf Entlassung persönlich übergeben habe. Der Direktor des Amtes hat eine Stunde lang versucht, mich umzustimmen. Es ist offenbar das erste Mal, dass eine Schulleiterin und Lehrerin gekündigt hat. Mich ärgert, dass der Staat offenbar damit rechnet, dass alle an den Schulen unbezahlte Überstunden machen, weil sie die Kinder nicht hängen lassen wollen. Dazu kommt natürlich, dass es für verbeamtete Lehrer ein gewaltiger Schritt ist, den Arbeitsplatz zu wechseln. Viele meiner Schulleiter-Kollegen haben mir geschrieben, dass sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, und mir ihre Hochachtung dafür ausgedrückt, dass ich diese Konsequenz gezogen habe.