Regensburg Wie sich das Singen bei den Domspatzen verändert hat

"Auf geht's, Männer" - so werden die Jungen der Regensburger Domspatzen heute motiviert. Früher hingegen machten Schläge und Erniedrigungen das Singen für viele zur Qual. Das Foto entstand um 1990.

(Foto: imago/United Archives)

"Auf geht's, Männer" - so werden die Domspatzen heute motiviert. Früher hingegen machten Schläge und Erniedrigungen das Singen für viele zur Qual. Erinnerungen an eine andere Zeit.

Von Rudolf Neumaier

Wenn Domkapellmeister Roland Büchner merkt, dass bei seinen Sängern die Konzentration nachlässt, wechselt er das Stück. Vom "Kyrie" aus einer Palestrina-Messe zum "Gloria" aus einer Rheinberger-Messe, ein Sprung vom 16. ins 19. Jahrhundert. Renaissance - Romantik. Das bringt neuen Schwung in diese Chorprobe. Kleiner Trick. Die Jungen haben jetzt eine gute halbe Stunde gesungen. Knabenchorgesang ist harte Arbeit, bis er zur Kunst gerinnt. Büchners Kunst besteht darin, Arbeitsdisziplin zu erzeugen, ohne dass die Sänger merken, wie diszipliniert sie arbeiten.

Roland Büchner nennt die Jungen in der Chorprobe "Männer". Büchner, 61, ist seit 1994 Regensburger Domkapellmeister und künstlerischer Leiter des Domchores, besser bekannt als Domspatzen. Er sagt "Auf geht's, Männer", "Leiser, Männer", "Passt auf, Männer", "Gut gemacht, Männer". In diesem Fall ist das gemeinsame Singen das sanfte Fließen des Einzelnen in einen großen, überwältigenden Klang, der erst nur aus dem Sopran besteht, in der nächsten Probe zusammengefügt wird mit dem Alt und sich danach mit den anderen Stimmen zu einem mehrgliedrigen Klangkörper verbindet.

Regensburger Bischof bricht Schweigen: "Tut mir in der Seele weh"

Rudolf Voderholzer gesteht Fehler bei der Aufklärung des Missbrauchsskandals ein. Bei den Opfern überwiegt das Misstrauen, ob er es wirklich ernst meint. Von Andreas Glas mehr ...

Singen macht glücklich, heißt es, und es ist ja auch durch Studien belegt. Der Körper schüttet beim Singen das gleiche Hormon aus, das ihn durchströmt, wenn der Mensch Liebe empfindet oder Vertrauen. Es heißt Oxytocin. Die Sänger von Roland Büchner bekommen eine hübsche Dosis davon ab, keine Frage.

Georg Ratzinger wurde gereizter - noch mehr Jungen sangen falsch

Singen macht aber nicht immer glücklich. Es kann auch Qual bereiten. Damals, Anfang, Mitte der Achtziger zum Beispiel haben in einer Gesamtprobe des kompletten Konzertchors nicht alle Jungen im Alt II das Intervall vom a zum fis' getroffen. Büchner war damals noch nicht Domkapellmeister.

Der damalige Chef war Georg Ratzinger, er knallte den Klavierdeckel zu, ein Donnerschlag. "Falsch! Wer war das? Noch mal!" a - fis' - falsch! "Welcher Depp trifft denn das fis' nicht? Alt II aufstehen! Noch mal." a - fis' - falsch. Der Chorleiter wurde noch lauter, noch gereizter. Hatten vorher vielleicht zwei von gut einem Dutzend Jungen eine Nuance zu tief gesungen, waren es jetzt wohl schon vier.

Wer Angst hat vor einem Intervall, singt es schon falsch. Man kann dann so tun, als ob man singt, und nur die Lippen bewegen. Aber wenn der Chorleiter den Alt II dann dreierweise abhört, geht das nicht mehr. Ist der eigene Dreier dran, muss man singen. a - fis'. "Falsch! Ihr Deppen! Jeder einzeln!" Zwei aus dem Dreier treffen den Ton, der Dritte liegt knapp daneben.

120 Augenpaare sind auf den Unglücklichen gerichtet

"Der Neumaier! Oh, du Depp, unmusikalisch bis dorthinaus. Ich weiß gar nicht, warum ich dich Deppen in meinen Chor geholt habe. Halt 's Maul. Bleib stehen!" Die anderen setzen sich, 120 Augenpaare des Regensburger Domchores sind auf den Unglücklichen gerichtet - die meisten mitleidig, aber das hilft nichts. Jetzt bloß nicht heulen. a - fis', verdammte große Sext.

Georg Ratzinger hat sich vielfach und vielmals entschuldigt dafür, wie er mit den Jungen umging, schon damals. Solange es bis 1980 gesetzlich noch nicht verboten war, hatte er sie sogar geohrfeigt. Danach hielt er sich ans Gesetz und schlug nicht mehr.

Chorsingen war immer schon eine Frage äußerster Disziplin, und Disziplin setzten in jenen Tagen viele Chorleiter mit militärischem Drill gleich. Wer sich mit Veteranen anderer Knabenchöre unterhält, seien es Tölzer oder Windsbacher, hört ähnliche Geschichten. Der Chorleiter war General und Spieß zugleich. Kinderstimmen und Kinderseelen waren für sie Rohmaterial, das geschliffen werden musste.

Das Prinzip lautete: Alles für die Kunst, und vor allem zur höheren Ehre des Herrn - soli deo gloria. So gesehen, konnte man als Elfjähriger im Alt II manche Singstunde immerhin dem lieben Gott weihen. Verfluchte Zeit!

Bis zu 700 Opfer bei Regensburger Domspatzen

Ermittler Ulrich Weber spricht von einem System. Das Bistum Regensburg schweigt bisher. Von Andreas Glas mehr...